Berlin-Film-Katalog

(in Vorbereitung)

Rarität des Monats März 2020

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 9.-11. März 2020 um 18 Uhr (am 9. in Anwesenheit von Pierre Sanoussi-Bliss und Matthias Freihof) läuft


Zurück auf Los!

D 1999/2000 – 95 Min. – 35 mm (1:1,66) – Farbe

Regie, Buch: Pierre Sanoussi-Bliss. Kamera: Thomas Plenert. Ausstattung: Stefanie Imgrund. Kostüm: Monika P. Bersch. Schnitt: Gudrun Steinbrück. Regieassistenz: Lutz-André Päthke, Adelheid Bimmel. Licht: Daniel Klaucke, Alex Schaak, Philipp Gerhardt, Oliver Friedrich. Maske: Edgar Langer. Ton: Uve Haußig, Jens Meyer. Musik: Stephan Kling. Produktionsleitung: Frank Schmuck, Markus Habicht, Nicola Bartölke. Schnittassistenz: Cölestine Brandt. Kameraassistenz: Lars Lensky. Redaktion: Christian Cloos (Das kleine Fernsehspiel).

Darsteller: Pierre Sanoussi-Bliss (Sam), Matthias Freihof (Bastl), Dieter Bach (Rainer), Paul Gilling (Mike), Bart Klein (Manne), Susanne Böwe (Uschi), Ared Hubert (Khaleb), Susann Uplegger (Kellnerin), Matthias Noack (Typ im Bett), Frank Schäfer (Patient), Doris Dörrie (Zahnärztin), Grit Kosanke (Zahnarzthelferin), Stephan Kling (Tonmeister), Michael Ande (Pkw-Fahrer), Pascal (Pascal von Wroblewsky), Thilo Ackermann (Wirt), Stephan Dierichs (Leichenwagenfahrer), Markus Böttcher (Verkäufer), Nikolaus Gröbe (Pantomime), Anja und Gerit Kling (Schwestern), Andrea Lüdke und Anett Gleichmann (Frauen im Restaurant), Jonathan Giertler (Uschis Sohn), Mike Hinkel (junger Nachbar), Tilo Krug (Bardame).

Eine ö-Filmproduktion Frank Löprich & Katrin Schlösser im Auftrag des ZDF.

Erstverleih: Pro-fun Media.

Kinostart: 22. März 2001.


Beziehungsprobleme, Geldsorgen, Alltagsfrust sowie Künstlerträume, die nicht so recht reifen wollen. Homosexualität, HIV, erworbene Behinderung, Rassis­mus, Sucht und Tod. – Der erste Film des Schauspielers Pierre Sa­nous­­si-Bliss als Regisseur und Drehbuchautor quillt über vor „schweren“ The­men, aus denen andere jeweils ein abendfüllendes Drama machen. Der 1962 ge­­­­­bo­rene Berliner verstandes jedoch, aus all dem eine Tragikomödie (oder heißt es heut­zutage „Dramedy“?) zu formen, die weder oberflächlich noch deprimierend ist: Er zeigt eine Gruppe nicht mehr ganz junger schwu­ler (Lebens-) Künstler in einem noch nicht durch­sanierten und -gentri­fizierten Prenzlauer Berg, die sich allen Widrig­keiten und Tiefschlägen des Schicksals zum Trotz nicht unterkriegen lassen.

Im Mittelpunkt steht natürlich Sam, die Figur, die sich Sanoussi-Bliss – auch ange­sichts mangelnder Rollenangebote – auf den Leib schrieb. Kritiker erkannten in ihr eine Fort­führung des Orfeo, den er in Doris Dörries „Keiner liebt mich“ gespielt hatte, hier freilich angekommen im Alltag. Sa­­noussi-Bliss übertrug ihr auch gleich noch seine Leidenschaft für DDR-Schla­ger, von denen er einige für den Film neu einsang.

So wenig er das Risiko scheute, man könnte ihm unterstellen, hier mehr oder weni­ger nur sich selbst zu spielen, schreckte ihn auch nicht die Gefahr, zu viele Funktio­nen gleichzeitig zu übernehmen. In der „taz“ vom 27.3.2001 attestierte Pa­mela Jahn: „Und sein Film beweist, dass solche Allmacht nicht automatisch im Desaster enden muss.“ Auch sonst gab es viele freundliche Kritiken, nach­dem „Zurück auf Los!“ vor genau zwanzig Jahren, auf der Berlinale 2000, seine Uraufführung gefeiert hatte und gut ein Jahr später in die Kinos kam.

Sanoussi-Bliss würzte seinen von Thomas Plenert photographierten Film, der ursprüng­lich ausschließlich fürs Fernsehen gedacht gewesen war, mit Gastauftritten von Kollegen wie Michael Ande, Pascal von Wroblewsky, Anja und Gerit Kling und Doris Dörrie. Heute er­freut „Zurück auf Los!“ auch dadurch, daß er Schwule nicht so zeigt, wie es mittlerweile – unversehens und praktisch widerspruchslos – zum neuen Klischee geworden ist: Als dauerfröhliche vorbildliche Konsumenten, de­­ren größte Sorgen das Ausrichten von Feiern, das Kostümieren und ihr Sex­le­ben sind, da sie kaum ernsthafte Probleme haben. Auch in „Zurück auf Los!“ sind die Figuren Vergnügungen nicht abgeneigt – doch dies gerade, weil in ihren Lebenso vieles alles andere als lustig, geil und glamourös ist.


Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Mehr zu dem Film hier.
















Quelle der filmographischen Angaben: Filmlänge, Film- und Bildformat, Erstverleih, Kinostart: https://www.filmportal.de/film/zurueck-auf-los_73126c0830ba4e37bf9c3f397ecbea02 (besucht am 19.2.2020). Alle anderen Angaben: Originalabspann.

Bilder: ö-Filmproduktion.