Berlin-Film-Katalog

(in Vorbereitung)

Rarität des Monats April 2019

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Am 1. April 2019 um 18 Uhr lief (in Anwesenheit von Lothar Lambert)



Dirty Daughters oder Die Hure und der Hurensohn

BRD 1979-1982 – 80 Min. (900 m) – 16 mm (1:1,33) – Schwarzweiß  

Regie, Buch: Dagmar Beiersdorf. Kamera: Mario Gerstenberg. Co-Kamera, Schnitt: Lothar Lambert.

Darsteller: Dagmar Beiersdorf (Rita, eine Prostituierte), Mustafa Iskandarani (Hossein), Lothar Lambert (Ritas Freundin [ein Transvestit]), Susanne Stahl (Ritas Tochter), Bernd Lubowski (brutaler Kunde), Mohamed El Jarie (Araber), Senta Moira (ältere Prostituierte), Rufus Harper (Erzieher), R. Adolph (Hausbesitzer), Inge Bongers (Frau in U-Bahn), Waluscha Friedrich (Barbesitzerin), Ingrid Caven (Sängerin), Erika Rabau, Ulrike S., Robert Cutts.

Produktion: Dagmar Beiersdorf.

Vorpremiere: 11. Februar 1982, Berlin, Studio am Adenauerplatz (Kurfürstendamm 71). (Die Vorstellung fand um 0.00 Uhr statt, genau genommen also am 12. Februar 1982.)

Erstaufführung: 12. Februar 1982, Berlin, Cinema (Kurfürstendamm 64-65, Berlinale, Info-Schau). (Die Vorstellung fand um 1.00 Uhr nachts statt, genau genommen also am 13. Februar 1982. Das Kino war zuvor unter dem Namen „Bonbonniere“ und später als „Hollywood“ bekannt und existiert heute nicht mehr.)

Kinostart: 26. März 1982, Berlin, Studio am Adenauerplatz (Kurfürstendamm 71).

Fernsehausstrahlungen: Samstag, 1. Oktober 1983, 21.30 Uhr, NDR/RB/SFB; Dienstag, 9. Oktober 1990, 21.00 Uhr, NDR/RB/SFB; Freitag, 18. August 2000, 23.15 Uhr, 3sat. 


Anders als es die diesjährige Berlinale-Retrospektive vermuten ließ, gab es im zwanzigsten Jahrhundert auch Frauen, die Low- oder No-Budget- und sogar regelrechte Undergroundfilme drehten: mit ganz wenig Geld und winzigem Team, weitgehend auf eigene Faust. Frauen, die solche Gegenwartsgeschichten und diese auf jene Art erzählten, die sie wollten – ohne Eingriffe von Filmförderungsgremien, Fernsehredaktionen oder den unter dem Schlachtruf „Jugendschutz“ agierenden Zensoren. Die wohl bedeutendste Berlinerin auf diesem Gebiet war Dagmar Beiersdorf, über Jahrzehnte hinweg die wichtigste Weggefährtin von Lothar Lambert, dem König des deutschen Undergroundkinos.

Ihre zweite abendfüllende Produktion war deutlich von Lambert inspiriert: Die in „schmutzigen“ Schwarzweißbildern erzählte Story einer selbständigen deutschen Sexarbeiterin, die auf dem Straßenstrich im Tiergarten einen libanesischen Asylbewerber kennenlernt. Während eines kalten Winters möchte er mit ihr, die sich auf ihre Weise aus schwierigen sozialen Verhältnissen ein wenig emporgearbeitet hat, ein klassisches Familienleben beginnen, am besten unter Einbeziehung ihrer halbwüchsigen Tochter, welche im Kinderheim lebt. Die Frau zweifelt an der Realisierbarkeit seiner Pläne und wohl auch an ihrer Liebe. Dritte(r) im Bunde ist ihre beste Freundin und Kollegin, ein Transvestit.

Inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten, lief Dagmar Beiersdorfs bester Film 1982 auf der Berlinale, anschließend mit großem Erfolg wochenlang vor vollem Haus im Kino „Studio am Adenauerplatz“ und dreimal im Fernsehen (zuletzt 2000 auf 3sat als Auftakt einer Beiersdorf/Lambert-Reihe). Der mit vielen positiven Kritiken bedachte Streifen wurde von Dagmar Beiersdorf nicht nur geschrieben, inszeniert und produziert, sondern die Berlinerin übernahm auch die Hauptrolle. An ihrer Seite: ihr Mann Mustafa Iskandarani als der libanesische Asylbewerber und Lothar Lambert als der Transvestit.

Wir zeigen „Dirty Daughters“ (der viel Berliner Lokalkolorit bietet und noch nicht auf DVD o.ä. verfügbar ist) einmalig an Dagmar Beiersdorfs 75. Geburtstag, dem 1. April  (und damit ausnahmsweise abweichend von unserem Jour fixe nicht am zweiten, sondern bereits am ersten Montag des Monats), in einer frisch aus Dagmar Beiersdorfs Keller geholten 16-Millimeter-Kopie. 


Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.










Quellen der filmographischen Angaben: Vorpremiere, Kinostart: Zeitgenössische Reklamezettel. Alle anderen Angaben: Berlinale-Katalog 1982. 

Bilder: Dagmar Beiersdorf.