Berlin-Film-Katalog

(in Vorbereitung)

Rarität des Monats März 2017

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 13.-15. März 2017 um 18 Uhr lief


Der Biberpelz

D (Ost) 1949 – 97 Min. (2638 m) – 35 mm (1:1,37) – Schwarzweiß
Regie: Erich Engel. Buch: Robert A. Stemmle. Nach der Komödie von Gerhart Hauptmann. Bild: Bruno Mondi. Bauten: Otto Erdmann. Ausführung: Franz Fürst, Heinrich Weidemann. Kostüme: Walter Schulze-Mittendorf. Musik: Ernst Roters. Ton: Erich Schmidt. Schnitt: Lilian Seng. Aufnahmeleitung: Willi Teichmann. Regieassistenz: Zlata Mehlers.
Darsteller: Werner Hinz (Friedrich von Wehrhahn), Käthe Haack (Regina von Wehrhahn), Fita Benkhoff (Auguste Wolff), Friedrich Gnaß (Julius Wolff), Ingrid Rentsch (Leontine), Edith Hancke (Adelheid), Paul Bildt (Wilhelm Krüger), Bertha Monnard (Adele Krüger), Herbert Wilk (Dr. Fleischer), Erwin Geschonneck (Motes), Emmy Burg (Frau Motes), Franz Weber (Mitteldorf), Werner Peters (Eberhard Schulz), Hans Ulrich (Glasenapp), Alfred Schieske (Wulkow), Walter Bechmann, Gisela Breiderhoff, Elfie Dugal, Gerd Evert, Renate Fischer, Anni Haupt, Friedrich Honna, Hedwig Kohlhoff, Alois Krüger, Otto Lange, Erik von Loewis, Wladimir Marfiak, Hermann Schechert, Ilse Trautschold, Christine Traute Wiere.
Produktion: DEFA. Herstellungsgruppe und Produktionsleitung: Herbert Uhlich.

Erstverleih: DEFA-Filmvertrieb.

Uraufführung: 21. Oktober 1949, Berlin, Babylon und DEFA-Filmtheater Kastanienallee.


So bekannt, daß man die Handlung nicht erwähnen muß – das war Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“ nach Meinung der meisten Berliner Kritiker, als 1949 die DEFA-Adaption dieses Stückes ihre Uraufführung erlebte. Ausgiebig wurden dagegen die darstellerischen Leistungen bewertet, als handele es sich hier um eine Theaterinszenierung. Dabei hatte der Drehbuchautor R. A. Stemmle – der selbst auch ein erfolgreicher Regisseur war – den Vierakter geschickt zu einem Film adaptiert und die Handlung nicht nur auf entsprechend mehr Schauplätze verteilt, sondern dabei auch manches pointierter und explizit politischer gestaltet, als es Hauptmann einst konnte oder wollte. (Der 1862 geborene Literaturnobelpreisträger war 1946 gestorben.)

Schließlich war die „Diebskomödie“ bei ihrer Uraufführung 1893 schon provokant genug gewesen: Das kriminelle Treiben der in jeder Hinsicht sehr tüchtigen Waschfrau Wolff, Gattin eines phlegmatischen Fischers und Mutter zweier Backfische, wurde nicht gesühnt. Der Amtsvorsteher von Wehrhahn, Herrscher über den kleinen, nicht näher bezeichneten Ort bei Berlin, der Schauplatz des Geschehens ist, wurde als Karikatur eines bornierten Herrenmenschen gezeichnet, ein exemplarisches Produkt des fürchterlichen Obrigkeitsstaates, welcher das deutsche Kaiserreich war. Ebenso aufgeblasen wie dumm, ist Wehrhahn vor allem mit der Verfolgung vermeintlicher Staatsfeinde beschäftigt und hält die gerissene Mutter Wolffen für eine vorbildliche Untertanin. Und dann hatte das Stück auch noch ein unvermitteltes, offenes Ende, was das Publikum ebenfalls verstörte. Daß „Der Biberpelz“ seinerzeit überhaupt aufgeführt werden durfte, ist wohl dem Umstand zu verdanken, daß der zuständige Zensor vom Schlage des Wehrhahn war: Er hielt das Stück für so schlecht, daß er ihm nur wenige Aufführungen prophezeite.

Auch die Filmversion von 1949 provozierte, unter anderem mit der eher untypischen Besetzung der mittlerweile zur Klischee geronnenen Figur der Mutter Wolffen durch Fita Benkhoff. Im Film spricht sie, ebenso wie die meisten anderen Figuren, sehr ausgiebig und überzeugend Berliner Dialekt (wie man es so mittlerweile im Kino kaum mehr hört). Ihr Leinwanddébut gab Edith Hancke und wurde dafür noch durchgängiger gelobt als der starbestückte Film, den der renommierte Brecht-Intimus Erich Engel – einst unter anderem Regisseur der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ – inszeniert hatte: Obwohl Berlin im Herbst 1949 bereits gespalten war, besprachen auch die meisten Zeitungen aus dem Westsektor diesen DEFA-Film, der wenige Wochen nach seiner Uraufführung dort ebenfalls zu sehen war und im Westen das Prädikat „künstlerisch wertvoll“ erhielt.

Zwischenzeitlich unverständlicherweise in Vergessenheit geraten, überzeugt er noch heute, fast siebzig Jahre später, als geistreiche, freche Komödie, bei der man sich darüber Gedanken machen kann, welche ihrer Botschaften zeitlos sind.

Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Mehr zu dem Film hier.

...

...

...

..

J.G.

.

Quellen der filmographischen Angaben: Filmlänge, Film- und Bildformat: http://www.filmportal.de/film/der-biberpelz_e22f93ae654c43e9b3e17c4adb7f358b (besucht am 12.2.2017). Uraufführung: Berliner Zeitung vom 21.10.1949. Alle anderen Angaben: Originalvorspann (Edith Hancke wird dort fälschlich „Hanke“ geschrieben, Friedrich Gnaß „Gnaas“).

Bilder: DEFA-Stiftung/Rudolf Brix.