Berlin-Film-Katalog

(in Vorbereitung)

Rarität des Monats Dezember 2023

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 11.-13. Dezember 2023 jeweils um 18 Uhr (am 11. mit einer Einführung) lief



Die Kümmeltürkin geht

BRD 1984/1985 – 88 Min. (974 m) – 16 mm (1:1,33) – Farbe

Regie, Drehbuch: Jeanine Meerapfel. Kamera: Johann Feindt. Kameraassistenz: Raoul Peck. Ton: Margit Eschenbach, Paul Oberle. Schnitt: Klaus Volkenborn. Musik: Jakob Lichtmann. Filmgeschäftsführung: Jörg Giencke. Regieassistentz: Eva Ebner. Bühne: Max Wülfing, Nils Jastram, Thomas von Klier. Negativschnitt: Elke Granke. Herstellungsleitung: Klaus Volkenborn.

Mitwirkende: Melek Tez, Familie Kantemir, Niyazi Türgay, Maksud Yilmaz, Erna Krause, Etta Czach u.a.

Eine Produktion der Journal Film KG Klaus Volkenborn.

Erstverleih: Basis-Film.

Uraufführung: 22. Februar 1985, Berlin, Internationale Filmfestspiele/Internationales Forum des Jungen Films.


„Es gibt heute Schlimmeres in Deutschland, als Jude zu sein: nämlich Türke zu sein“, war eine bemerkenswerte Aussage in Jeanine Meerapfels 1981 entstandenem Dokumentarfilm „Im Land meiner Eltern“, der die Regisseurin zumindest nicht widersprach. Wie um diese Behauptung zu bestätigen, schuf sie drei Jahre später „Die Kümmeltürkin geht“: Das Portrait einer modernen, selbstbewußten Frau, die 1970 im Alter von vierundzwanzig Jahren mit großen Erwartungen nach West-Berlin gekommen war und nun, vierzehn Jahr später, frustriert und verbittert nach Istanbul zurückkehrte.

Im Laufe der achtziger Jahre begann allmählich allen Beteiligten zu schwanen, daß aus der Anwerbung billiger Arbeitskräfte, die in den späten fünfziger Jahren begon­nen hatte, eine dauerhafte Einwanderung geworden war. Nicht zuletzt vor dem Hin­tergrund der seit 1973 andauernden Wirtschaftskrise war „die Ausländerproble­matik“ auch zu einem bedeutenden politischen Thema geworden. Deutsche Filmproduktio­nen beschäftigten sich mit den neuen Mitbürgern aber noch lange fast nur, um sie als arme, ebenso bemitleidenswerte wie hilfebedürfige Opfer darzustellen – Opfer kapitalistischer Ausbeutung und der stets mindestens latent, oft aber auch offen faschistoiden deutschen Gesellschaft.

Auch Melek Tez, die Protagonistin von Jeanine Meerapfels Film, geht erklärter­maßen vor allem angesichts der grassierenden Ausländerfeindlichkeit zurück in die Türkei. Dafür erhält sie finanzielle Unterstützung vom deutschen Staat, wie auch zahlreiche andere Türken, die bei der Ausreise auf dem Flughafen Tegel gezeigt werden, und von denen einige betonen, wie froh sie wären, wegzukommen, denn: „Heimat ist Heimat.“

Zwar bleiben die Diskriminierungserfahrungen von Melek Tez weitgehend vage, offen bleibt auch, ob die in Deutschland alleinstehende Mutter zweier Kinder in Istanbul – von wo sie einst wohl nicht zuletzt aus familiären Gründen nach Berlin aufgebrochen war – wirklich glücklich wird (zumal man auch erfährt, daß Rückkehrer in der Türkei nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werden).

Nichtsdestoweniger wurde „Die Kümmeltürkin geht“ bei und nach der Uraufführung im Berlinale-Forum 1985 viel beachtet, auch weil es sich nicht etwa um eine Fern­seh­produktion handelte, sondern um einen abendfüllenden Dokumentarfilm, der für den Einsatz im Kino entstanden war.

Wir zeigen ihn auch als nachträgliche Würdigung des achtzigsten Geburtstags, den Jeanine Meerapfel im Juni feiern konnte. Seit 2015 Präsidentin der Berliner Akademie der Künste, war sie vor rund sechzig Jahren selbst nach Deutschland eingewandert – in das Land, aus dem ihre Eltern einst hatten flüchten müssen.


Umfangreiche Informationen zu unserer Dezember-Rarität finden Sie hier.
Außerdem hier und hier.

 




Quellen der filmographischen Angaben: Länge, Film- und Bildformat, Erstverleih: https://www.filmportal.de/film/die-kuemmeltuerkin-geht_6ad41f3807fc44d1b273695de5d25d81 (besucht am 17.11.2023). Uraufführung: Informationsblatt des Internationales Forums des Jungen Films 1985 (https://www.filmportal.de/film/die-kuemmeltuerkin-geht_6ad41f3807fc44d1b273695de5d25d81). Alle anderen Angaben: Originalvor- und -abspann.

Photos: Deutsche Kinemathek.