Berlin-Film-Katalog

(in Vorbereitung)

Rarität des Monats Januar 2022

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 6.-12. Januar 2022 jeweils um 18 Uhr läuft


Wir lassen uns scheiden

DDR 1967/1968 – 91 Min. (2556 m) – 35 mm (1:2,35) – Schwarzweiß

Regie: Ingrid Reschke. Szenarium: Rudi Strahl. Drehbuch: Kurt Belicke, Ingrid Reschke. Dramaturgie: Traudl Kühn, Gert Gericke. Kamera: Helmut Grewald. Filmszenenbild: Harry Leupold. Bauausführung: Jürgen Malitz, Gisela Schultze. Musik: Wolfram Heicking. Kostüme: Helga Scherff. Masken: Stefan Jezierski, Margot Friedrich. Ton: Hans-Ulrich Langendorf, Klaus Wolter. Schnitt: Helga Gentz. Regieassistenz: Anita Francke. Kameraassistenz: Klaus Groch, Horst Blümel. Aufnahmeleitung: Waldemar Döring. Produktionsleitung: Fried [eigentlich Waldefried] Eichel.

Darsteller: Monika Gabriel (Monika), Dieter Wien (Johannes), Martin Grunert (Manni), Angelika Waller (Maria Hamann), Reiner Schöne (Körner), Brigitte Krause (Lehrerin Hellwig), Gerhard Bienert (Opa Koch), Ulrich Jursitzka (Mücke), Carmen Pioch (Sabine), Martin Hellberg (Regisseur), Werner Lierck (Korrektor), Werner Kamenik (2. Geiger), Paul Arenkens (Tenor), Anita Francke.

Produktion: DEFA Studio für Spielfilme, Gruppe Johannisthal.

Arbeitstitel: „Ein Rüpel sondergleichen“.

Altersfreigabe: P 6.

Voraufführung: 28. März 1968, Magdeburg, Theater des Friedens.

Premiere: 4. April 1968, Berlin, Filmtheater International und Colosseum.

Erstverleih: Progress.


Obwohl die Gleichberechtigung der Frau in der DDR stets propagiert wurde, konnten auch im SED-Staat nur relativ wenige Frauen echte Machtpositionen erklimmen. Dies galt auch für den Regiestuhl. Und so dauerte es bis 1967, bis mit „Wir lassen uns scheiden“ erstmals ein abendfüllender DEFA-Kinospielfilm für Erwachsene von einer Frau inszeniert wurde.

Ein Ost-Berliner Ehepaar entzweit sich darin über die Erziehung seines zirka zehnjährigen Sohnes. Nach der Trennung versteht es der sehr aufgeweckte Knabe, die unterschiedlichen pädagogischen Konzepte seiner Eltern für sich auszunutzen und Mutter und Vater gegeneinander auszuspielen, zumal diese schon mit neuen Partnern anzubändeln beginnen.

Nur vier längere Filme konnte die Berlinerin Ingrid Reschke drehen, bevor sie 1971 mit 35 Jahren an den Folgen eines Autounfalls starb. Bei allen hatte sie mit erheblichen Problemen zu kämpfen, die von außen auf sie einstürmten. So mäkelte bei „Wir lassen uns scheiden“ das von Margot Honecker gelietete Volksbildungsministerium an dem Stoff herum, dessen Autor Rudi Strahl war nach vielen Änderungswünschen nur noch schwer zu einer weiteren Mitarbeit zu bewegen, und dann erkrankte während der Drehzeit der männliche Hauptdarsteller Armin Mueller-Stahl (der damals mit der weiblichen Hauptdarstellerin Monika Gabriel verheiratet war). Schließlich übernahm seine Rolle der bisherige Nebendarsteller Dieter Wien und zahlreiche Szenen mußten noch einmal gedreht werden.

Bei der Inszenierung achtete Ingrid Reschke ebenso darauf, das überbreite Scopebild sinnvoll auszunutzen, wie möglichst viel Berliner Lokalkolorit in den Film einzubringen, bis hin zu einem Dreh auf dem noch im Entstehen begriffenen Fernsehturm.

Da das Drehbuch auf Geheiß von oben unter anderem so zu verändern war, daß die diversen Streiche des Jungen meist umgehend geahndet werden, schwankt der Film etwas unentschlossen zwischen fröhlicher (Tragi-) Komödie und allzu deutlicher pädagogischer Absicht. Dennoch wurde er freundlich aufgenommen.

Wenige Wochen nach der Premiere verließ jedoch Reiner Schöne die DDR, woraufhin „Wir lassen uns scheiden“ in den Giftschrank wanderte und für Jahrzehnte in Vergessenheit geriet. Erst vor wenigen Jahren wurden der Film und seine Regisseurin wiederentdeckt.

Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

 

Mehr zu dem Film hier.



Quelle der filmographischen Angaben: Beiblatt zur Aufführung des Films im Rahmen der Reihe „Wiederentdeckt“ von CineGraph Babelsberg im Berliner Zeughauskino am 4. März 2016.

Bilder: DEFA-Stiftung/Horst Blümel.