Berlin-Film-Katalog
(in Vorbereitung)

Rarität des Monats Juli 2026

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeden Monat eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Am 6. Juli 2026 (Montag) um 17.30 Uhr läuft (mit einer Einführung):



Nachts, wenn der Teufel kam

BRD 1957 – 104 Min. (2854 m) – 35 mm (1:1,37) – Schwarzweiß

Regie: Robert Siodmak. Drehbuch: Werner Jörg Lüddecke nach einem „Tatsachenbericht“ von Will Berthold in der „Münchner Illustrierten“. Kamera: Georg Krause. Kameraführung: André von Piotrowski. Musik: Siegfried Franz. Schnitt: Walter Boos. Bauten: Rolf Zehetbauer, Gottfried Will. Kostüme: Claudia Herberg. Garderobe: Martin Dasch, Anni Loretto. Ton: Erwin Jennewein. Kunstmaler: Herbert Strabel. Technischer Zeichner: Friedhelm Boehm. Außenrequisite: Waldermar Hinrichs. Innenrequisite: Rudolf Dahlke. Maske: Franz Göbel, Sophie Obermaier. Regieassistenz: Walter Boos, Oskar Wintergerst. 2. Regieassistenz: Fred Kohn, Heinz Golleng. Kameraassistenz: Klaus Werner, Horst Philipp. Tonassistenz: Karl Mösbauer. Schnittassistenz: Werner Preuss, Eva Maria Tittes. Schnittvolontär: Helga Nordbeck. Script: Lena Guttenberger. Standphotos: Peter Bock-Schroeder. Herstellungsleitung: Claus Hardt. Aufnahmeleitung: Gustav Lautenbacher, Dieter Weber. Geschäftsführung: Dorrit Birk. Buchhaltung: Anni Fries. Produktionssekretariat: Vera Kayser.

Darsteller: Mario Adorf (Bruno Lüdke), Claus Holm (Kriminalkommissar Axel Kersten), Hannes Messemer (SS-Gruppenführer Rossdorf), Peter Carsten (Mollwitz), Carl Lange (Major Wollenberg), Werner Peters (Willi Keun), Annemarie Düringer (Helga Hornung), Monika John (Kellnerin Lucy Hansen), Rosel Schäfer (Anna Hohmann), Ernst Fritz Fürbringer (Landgerichtsdirektor Dr. Schleffien), Walter Janssen (Kriminalrat Dr. Böhm), Wilmut Borell (SS-Sturmführer Heinrich), Helmut Brasch (SS-Truppführer Scharf), Georg Lehn (Kriminalassistent Brühl), Lukas Ammann (Willi Keuns Pflichtverteidiger), Margaret Jahnen (Frau Weinberger), Käthe Itter (Portiersfrau), Else Quecke (Frau Lehmann), Christiane Nielsen (Blondine), Dietrich Thoms (Soldat), Karl-Heinz Peters (Luftschutzwart), Trude Breitschopf (Turnlehrerin), Heinz Beck (Wachtmeister auf dem Revier), Toni Treutler (Kantinenwirtin), Alois Maria Giani.

Produktion: KG Divina-Film GmbH. Produzenten: Walter Traut (Gesamtleitung), Robert Siodmak, Ilse Kubaschewski. Produktionsleitung: Werner Fischer.

Erstverleih: Gloria.

Uraufführung: 19. September 1957, Düsseldorf, Alhambra und Capitol.


Bruno Lüdke hat nach heutigen Erkenntnissen keinen Menschen umge­bracht. Der seinerzeit als „schwach­sinnig“ eingestufte Berliner war nicht einer der größten Serien­mörder der deutschen Kriminalgeschichte, sondern selbst ein Opfer des Nationalsozialismus.

Als 1957 dieser Spielfilm entstand, hätten die Produzenten hinsichtlich der Fragwürdigkeit der Vorwürfe gegen Lüdke bereits gewarnt sein können: Dessen Schwe­stern versuchten, gegen den Film juristisch vorzugehen. Aber vermutlich war die Versuchung zu groß, den Fall möglichst spektakulär als „wah­re Ge­schichte“ darzustellen, als erst kürzlich enthülltes Geheimnis aus der NS-Zeit (diesem Ziel entsprach auch der ebenso reißerische wie unsinnige Titel). Vermutlich im Streben nach möglichst großer Authentizität wurde der Figur des Serienmörders in dem Film nicht einmal ein anderer Name gegeben.

Dies ist um so bedauerlicher, als „Nachts, wenn der Teufel kam“ eigentlich ein sehr guter und für die damalige Zeit mutiger Film ist: Eindrucksvoll wird hier gezeigt, wie ein wohlmeinender Kriminal­polizist, der keineswegs ein Nazi ist, im Berlin des Zweiten Weltkriegs wider Wil­len mitschuldig wird an den Ver­brechen des Regimes, als er eine Serie von Frauenmorden entdeckt.

Der 1900 geborene Robert Siodmak, der 1933 vor den Nazis hatte fliehen müssen, seine Kar­riere aber erst in Frankreich, dann in den USA erfolgreich fortsetzen konnte, inszenierte dies nach einem Buch von Werner Jörg Lüddecke wie einen jener düsteren Films noirs, von denen er in Hollywood mehr gedreht hat­te als jeder andere. Georg Krause besorgte die entsprechende Pho­to­graphie.

„Nachts, wenn der Teufel kam“ avancierte nicht nur zum Publikumserfolg und er­hielt eine Oscar-Nominierung, sondern wurde 1958 auch mit Bundes­film­prei­sen überschüttet: Zehn der zwölf für abendfüllende Spielfilme vorgesehe­nen Auszeichnungen gingen an ihn. Bis heute wurde dieser Rekord nicht übertroffen.

Daß ein Film, der NS-Verbrechen anprangern wollte und zeigte, wie in ei­nem sol­chen System letztlich jeder mitschuldig wird, der gegen dieses keinen Wi­der­stand lei­stet, durch Geschichtsklitterung und schlichte Lügen selbst dazu bei­trug, ein NS-Opfer zu denunzieren, wirkt wie eine späte Rache alter Nazis.

Wir zeigen „Nachts, wenn der Teufel kam“ zur Erinnerung an den am 8. April  2026 verstorbenen Mario Adorf, dem die Rolle des Bru­no Lüdke (von deren falscher Darstellung durch das Drehbuch er sich später distanzierte) den Durchbruch und einen Bundes­film­preis als bester Nachwuchs­schau­spieler bescherte.


Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Mehr zu diesem Film hier und hier.



Ein in Gestaltung und Aussage hervorragender deutscher Zeitfilm.

-ck., Evangelischer Film-Beobachter Nr. 39/1957





 

Quellen der filmographischen Angaben: https://www.filmportal.de/film/nachts-wenn-der-teufel-kam_90a4e1161600438580fcdde11bdc6465 (zuletzt besucht am 15.6.2026).

Photos: DFF.