„Berlin-Film-Katalog präsentiert nochmals“
Seit Juni 2012 präsentierte Berlin-Film-Katalog allmonatlich im Weißenseer Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität, im September 2023 zum 120. Mal. Höchste Zeit, auch einmal andernorts zu zeigen, welch reiches Angebot unterschiedlichster Spiel- und Dokumentarfilme aus Ost und West, dem noch nicht geteilten und dem wiedervereinten Deutschland in dieser Reihe bisher schon zu sehen war.
Seit Oktober 2023 wird daher einmal im Monat eine Berlin-Film-Rarität, die vor längerer Zeit im Brotfabrikkino zu sehen war, noch einmal im Anfang Juli 2023 – nach umfassender Renovierung und Modernisierung – wiedereröffneten Cosima-Filmtheater in Friedenau/Wilmersdorf gezeigt. Fester Termin dafür ist der dritte Montag eines jeden Monats, 17.30 Uhr. Es gibt nur eine Aufführung, und diese jeweils mit einer Einführung.
Das Cosima-Filmtheater befindet sich in der Sieglindestraße 10, direkt am Varziner Platz und direkt am S- und U-Bahnhof Bundesplatz, in 12159 Berlin. Eintritt: 8-12 Euro.
Am Montag, 20. Juli 2026 um 17.30 Uhr läuft im Cosima-Filmtheater (mit einer Einführung):
Gedächtnis – Ein Film für Curt Bois und Bernhard Minetti
BRD 1981/1982 – 77 Min. (882 m) – 16 mm (1:1,37) – Schwarzweiß
Regie: Bruno Ganz, Otto Sander. Kamera: Wolfgang Knigge, Michael Steinke, Uwe Schrader, Karl Koschnick, René Perraudin. Ton: Theo Kondring, Slavco Hitrov. Schnitt: Susanne Lahaye, Bruno Ganz.
Mit Curt Bois, Bernhard Minetti, Otto Sander, Bruno Ganz, Fritz Walter.
Produktion: Common Film Produktion in Coproduktion mit Westdeutscher Rundfunk Köln. Produzent: Helmut Wietz. Redaktion: Martin Wiebel.
Vor nunmehr fast vierzig Jahren spielten Bruno Ganz (1941-2019) und Otto Sander (1941-2013) die Hauptrollen in einem der mittlerweile berühmtesten Berlin-Filme: Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“. Fünf Jahre zuvor hatten sie selbst einen sehr persönlichen und zärtlichen Berlin-Film geschaffen, der völlig zu unrecht lange Zeit in Vergessenheit geriet. In „Gedächtnis“ plaudern die beiden bedeutenden Mimen mit zwei älteren, nicht minder gefeierten Kollegen über die Stadt, den Schauspielerberuf, Anpassung und Flucht in der NS-Zeit: Curt Bois (1901-1991), der seinem Naturell gemäß eine Anekdote nach der anderen weniger erzählt als vielmehr spielt – Begegnungen mit Bertolt Brecht und Buster Keaton, Charles Laughton und Fritz Kortner. Und Bernhard Minetti (1905-1998), der hier vor allem über sein Metier reflektiert – bis der Fußballfan im Olympiastadion die Stürmerlegende Fritz Walter trifft, wo dann auch über Sepp Herberger gefachsimpelt wird.
Kein Film über, sondern ausdrücklich „ein Film für Curt Bois und Bernhard Minetti“ soll dies sein – kein Portrait, sondern das Festhalten von Lebens- und Berufserfahrungen zweier großer alter Schauspieler, ein Film eben als Gedächtnis. Ganz unverkrampft wird aber doch ein Portrait daraus, gerade weil Ganz und Sander Mut zur Lücke beweisen, sie nicht lange Leben, Rollen, Verdienste ihrer beiden betagten Kollegen referieren.
Was man womöglich ebenfalls erst bei genauerem Hinschauen bemerkt: Es gibt in „Gedächtnis“ keine Begegnung von Minetti und Bois. Letzterer soll sie nicht gewollt haben. Denn was – wie diese Weigerung – in dem Film nicht erwähnt wird: Unter den Nazis – vor denen Bois flüchten mußte, was seiner Karriere einen dauerhaften Knick zufügte – stieg Minetti zu einem gefragten Schauspieler auf. So ist dies – im Nichtgesagten wie in den Gesprächen über Exil und Anpassung – auch ein Film über die Berliner und deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Folgen sich hier immer wieder ins Bild schieben. Etwa in Gestalt der großen, leeren Fläche, welche sich zwischen Martin-Gropius-Bau und Reichstag ausdehnt: Damals die Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin mitsamt des Todesstreifens. 1986/87 spielte Curt Bois dann in „Der Himmel über Berlin“ einen alten Mann der in dieser Gegend herumirrt und den verschwundenen Potsdamer Platz sucht.
Wir würdigen mit „Gedächtnis“ etwas verspätet den 125. Geburtstag von Curt Bois, den dieser am 5. April hätte feiern können.
Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.
Mehr zu dem Film hier, hier und hier.
Große Geschichte(n), unverkrampft
Kein Film über, sondern ausdrücklich „ein Film für Curt Bois und Bernhard Minetti“ soll dies sein – kein Portrait, sondern das Festhalten von Lebens- und Berufserfahrungen zweier großer alter Schauspieler, ein Film eben als Gedächtnis.
Ganz unverkrampft wird aber doch ein Portrait daraus, gerade weil Ganz und Sander Mut zur Lücke beweisen, sie nicht lange Leben, Rollen, Verdienste ihrer beiden betagten Kollegen referieren. Schnell genug wird deren unterschiedliches Naturell deutlich: Bois, der eine Anekdote nach der anderen weniger erzählt als vielmehr spielt – Begegnungen mit Bertolt Brecht und Buster Keaton, Charles Laughton und Fritz Kortner. Ein Komödiant, der sein Handwerk so souverän beherrscht, daß er wenig darüber nachzudenken scheint – zumal ihm offenbar mindestens ebenso wichtig wie seine Kunst immer die Frauen und die (Renn-) Pferde waren; Ganz und Sander fahren mit ihm zur Trabrennbahn Mariendorf. Minetti hingegen reflektierter, manchmal fast grüblerisch, im Film sieht man ihn fast nur über seinen Beruf reden – und darüber, wie es ihm zu Beginn der Nazi-Zeit im Theater erging. Eine private Leidenschaft gibt er aber doch preis: jene für den Fußball. Im Olympiastadion wird ein Treffen mit Fritz Walter arrangiert. Und so spricht Minetti nicht nur über Begegnungen mit Hans Otto oder – wiederum – Kortner, sondern auch mit Sepp Herberger.
Drei Wahl-Berliner und der „Eingeborene“ Bois – alle vier haben große oder zumindest wesentliche Teile ihres Lebens an der Spree verbracht. Von der Stadt sieht man relativ wenig, doch dafür Dinge, die bezeichnend sind für das Berlin jener Nachkriegszeit, die wohl bis zum Ende der deutschen Teilung dauerte: Mit dem – dereinst als sensationell
empfundenen – Außenlift fahren Bois, Ganz und Sander ins oberste Stockwerk des Excelsior-Hochhauses am Anhalter Bahnhof, wo sich damals ein Lokal befand. Während des Gesprächs sieht man durch die großen Fenster das jahrzehntelang vergessene Gestapo-Gelände, über das buchstäblich Gras wuchs, und die vielen anderen Brachen in der Innenstadt, durch welche sich damals die Mauer zog. Erst im Laufe der achtziger Jahre, etwa durch die Internationale Bauausstellung in West-Berlin, sollten zahlreiche der leeren Grundstücke wieder bebaut werden. Über den gerade wiederhergestellten Martin-Gropius-Bau und den Preußischen Landtag (beide werden voneinander durch die Mauer getrennt) hinweg schweift der Blick über eine große Brache bis zum Reichstag: der Todesstreifen. Auch hinter dem beim Abriß des Anhalter Bahnhofs übriggelassenen Portal erkennt man eine jener leeren Flächen, die irgendwie aus der Zeit gefallen schienen und für das Berlin der sechziger, siebziger und achtziger Jahre so charakteristisch waren.
Ein weiteres Charakteristikum: Die alten, kantigen S-Bahn-Züge, welche rund siebzig Jahre lang im Einsatz waren. Ihr rhythmisches Rattern auf den noch nicht endlosverschweißten Schienen, ihre heulenden Motoren und das „Atmen“ ihrer Druckluftbremsen waren der Sound, der das Leben in ganz Berlin von den zwanziger Jahren über die Nazi-Zeit und die Dekaden der Teilung bis zur Jahrtausendwende begleitete. Diese Züge zählten zu jenen Dingen, die auch und gerade Auswärtigen immer den Eindruck vermittelten, in Berlin, insbesondere in West-Berlin, sei die
bewegte deutsche Geschichte noch deutlicher zu erkennen und zu erleben als andernorts in dem geteilten Land.
Vielleicht deshalb haben Ganz und Sander S-Bahn-Fahrten an den – ebenfalls sehr reflexiven – Anfang und an das Ende ihres leisen, zärtlichen Films gestellt. Man erkennt dabei den Bahnhof Charlottenburg sowie – auf der Fahrt zwischen Savignyplatz und Zoo – die noch nicht nach historischem Vorbild rekonstruierten Grünanlagen auf dem Savignyplatz und wiederum diverse leere oder nur mit Flachbauten bedeckte Grundstücke, darunter das „Kant-Dreieck“ gegenüber dem Theater des Westens, wo die Karriere von Curt Bois 1908 begann und er 1988 den
Europäischen Filmpreis erhielt – für seine kleine, aber einprägsame Rolle in „Der Himmel über Berlin“.
Was es in „Gedächtnis“ nicht gibt, ist eine Begegnung der beiden alten Schauspieler. Bois soll sie nicht gewollt haben. Denn was – wie diese Weigerung – in dem Film nicht erwähnt wird: Unter den Nazis – vor denen Bois flüchten mußte, was seiner Karriere einen dauerhaften Knick zufügte – stieg Minetti zu einem gefragten und gefeierten Schauspieler auf. So ist dies – im Nichtgesagten wie in den Gesprächen über Exil und Anpassung – auch ein Film über die Berliner und deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.
VORSCHAU: Am Montag, 17. August 2026 um 17.30 Uhr präsentieren wir nochmals den Episodenfilm Geschichten jener Nacht, eine jener DEFA-Produktionen, mit denen der Bau der Mauer gerechtfertigt werden sollten, der sich am 13. August 2026 zum fünfundsechzigsten Male jährt. Unter der Regie von Karlheinz Carpentier, Ulrich Thein, Frank Vogel und Gerhard Klein spielten 1966/1967 neben anderen Hans Hardt-Hardtloff, Peter Reusse, Peter Sindermann, Raimund Schelcher, Dieter Mann, Jenny Gröllmann, Horst Schulze, Inge Keller, Ulrich Thein, Angelika Waller, Jaecki Schwarz und Erwin Geschnonneck..
RÜCKBLICK: Wir präsentierten nochmals im
Oktober 2023: Endstation Liebe (der neue Flyer hier)
November 2023: Das siebente Jahr (der neue Flyer hier)
Dezember 2023: Plastikfieber (der neue Flyer hier)
Januar 2024: Ganovenehre (der neue Flyer hier)
Februar 2024: Ein Polterabend (der neue Flyer hier)
März 2024: Verwirrung der Liebe (der neue Flyer hier)
April 2024: Zwei unter Millionen (der neue Flyer hier)
Mai 2024: Tatort Berlin (der neue Flyer hier)
Juni 2024: Flucht nach Berlin (der neue Flyer hier)
Juli 2024: Zugverkehr unregelmäßig (der neue Flyer hier)
August 2024: Es (der neue Flyer hier)
September 2024: Make Love Not War – Die Liebesgeschichte unserer Zeit (der neue Flyer hier)
Oktober 2024: Wir lassen uns scheiden (der neue Flyer hier)
November 2024: Gejagt bis zum Morgen (der neue Flyer hier)
Dezember 2024: Tätowierung (der neue Flyer hier)
Januar 2025: Hochzeitsnacht im Regen (der neue Flyer hier)
Februar 2025: Rotation (der neue Flyer hier)
März 2025: z.B. ... Otto Spalt (der neue Flyer hier)
April 2025: Berliner Ballade (der neue Flyer hier)
Mai 2025: Lots Weib (der neue Flyer hier)
Juni 2025: Dämmerung – Ostberliner Bohème der fünfziger Jahre (der neue Flyer hier)
Juli 2025: Zwei in einer großen Stadt (der neue Flyer hier)
August 2025: Asphalt (der neue Flyer hier)
September 2025: Leichensache Zernik (der neue Flyer hier)
Oktober 2025: Engel aus Eisen (der neue Flyer hier)
November 2025: Wedding (der neue Flyer hier)
Dezember 2025: Die endlose Nacht (der neue Flyer hier)
Januar 2026: Quartett im Bett (der neue Flyer hier)
Februar 2026: Playgirl (der neue Flyer hier)
März 2026: Kennen Sie Urban? (der neue Flyer hier)
April 2026: Entlassen auf Bewährung (der neue Flyer hier)
Mai 2026: Der Mann im Pyjama (der neue Flyer hier)
Juni 2026: Der Biberpelz (der neue Flyer hier)
Bilder: Common Film.
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