„Berlin-Film-Katalog präsentiert nochmals“
Seit Juni 2012 präsentierte Berlin-Film-Katalog allmonatlich im Weißenseer Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität, im September 2023 zum 120. Mal. Höchste Zeit, auch einmal andernorts zu zeigen, welch reiches Angebot unterschiedlichster Spiel- und Dokumentarfilme aus Ost und West, dem noch nicht geteilten und dem wiedervereinten Deutschland in dieser Reihe bisher schon zu sehen war.
Seit Oktober 2023 wird daher einmal im Monat eine Berlin-Film-Rarität, die vor längerer Zeit im Brotfabrikkino zu sehen war, noch einmal im Anfang Juli 2023 – nach umfassender Renovierung und Modernisierung – wiedereröffneten Cosima-Filmtheater in Friedenau/Wilmersdorf gezeigt. Fester Termin dafür ist der dritte Montag eines jeden Monats, 17.30 Uhr. Es gibt nur eine Aufführung, und diese jeweils mit einer Einführung.
Das Cosima-Filmtheater befindet sich in der Sieglindestraße 10, direkt am Varziner Platz und direkt am S- und U-Bahnhof Bundesplatz, in 12159 Berlin. Eintritt: 8-12 Euro.
Am Montag, 17. August 2026 um 17.30 Uhr läuft im Cosima-Filmtheater (mit einer Einführung):
Geschichten jener Nacht
DDR 1966/1967 – 109 Min. (2972 m) – 35 mm (1:1,37) – Schwarzweiß
1. Geschichte: Phönix
Regie, Buch: Karl-Heinz Carpentier. Dramaturg: Dieter Wolf. Kamera: Hans-Jürgen Sasse. Bauten: Alfred Drosdek. Ausführung: Georg Wratsch. Musik: Georg Katzer.
Darsteller: Hans Hardt-Hardtloff (Kommandeur), Peter Sindermann (Bräutigam 1933), Peter Reusse (junger Karl), Gerry Wolff (Fremder), Raimund Schelcher (Maler), Jochen Zimmermann, Werner Lierck, Jutta Peters, Renate Bahn (Braut 1933), Erich Mirek, Dietmar Obst.
2. Geschichte: Die Prüfung
Regie: Ulrich Thein. Buch: Erik Neutsch, Ulrich Thein. Dramaturg: Dieter Wolf. Kamera: Hartwig Strobel. Bauten: Harald Horn. Ausführung: Heike Bauersfeld. Musik: Wolfgang Pietsch.
Darsteller: Jenny Gröllmann (Jutta Huth), Dieter Mann (Robert Wagner), Horst Schulze (Heinrich Huth), Inge Keller (Margitta Huth), Eberhard Esche (Dr. Ernest Huth), Regina Beyer (Gisela), Norbert Speer, Otmar Richter, Martin Flörchinger, Wolfgang Luderer.
3. Geschichte: Materna
Regie: Frank Vogel. Buch: Werner Bräunig, Frank Vogel. Dramaturg: Dieter Wolf. Kamera: Claus Neumann. Bauten: Alfred Hirschmeier. Ausführung: Willi Schäfer. Musik: Günter Hauk.
Darsteller: Ulrich Thein (Materna), Angelika Waller (Hanna), Johannes Wieke (Wiczorek), Werner Dissel (Kilian).
4. Geschichte: Der große und der kleine Willi
Regie: Gerhard Klein. Buch: Helmut Baierl. Dramaturg: Dieter Wolf. Kamera: Peter Krause. Bauten: Alfred Drosdek. Ausführung: Franz Fürst. Musik: Wilhelm Neef.
Darsteller: Erwin Geschonneck (Willi Lenz), Jaecki Schwarz (Wilfried Zank), Christoph Engel (Kämpfer mit Brille), Rudolf Ulrich (Karl), Ernst-Georg Schwill (Melder), Albert Zahn, Marianne Wünscher, Ingeborg Naß, Peter Kalisch, Eckhard Galonska, Willi Schrade, Eberhard Schaletzki, Otto Stark (müder Kämpfer), Peter Hill.
Produktion: VEB DEFA-Studio für Spielfilme, Künstlerische Arbeitsgruppe „Babelsberg“. Produktionsleitung: Dieter Dormeier.
Arbeitstitel: Episodenfilm zum VII.Parteitag.
Erstverleih: Progress.
Premiere: 8. Juni 1967, Berlin, Kino International.
In Folge des berüchtigten 11. Plenums des ZK der SED, das die zaghaften, nach dem Mauerbau begonnenen Reformansätze in der DDR beerdigte, wurde 1965/66 eine Vielzahl von DEFA-Filmen – teils noch vor ihrer Fertigstellung – verboten. Eine Gelegenheit, sich bei den Betonköpfen in der Staatspartei zu rehabilitieren, erhielt der staatliche Filmbetrieb 1966 mit „Geschichten jener Nacht“: Der „Episodenfilm zum VII. Parteitag“ (so der Arbeitstitel) rechtfertigte und feierte den Mauerbau noch einmal so, wie es einige DEFA-Produktionen bereits kurz nach der Grenzschließung getan hatten. Mit Frank Vogel und Gerhard Klein erhielten dabei zwei Filmemacher die Möglichkeit zur „Bewährung“, deren jüngste Arbeiten gerade verboten worden waren („Denk bloß nicht, ich heule“ und „Berlin um die Ecke“), die allerdings auch schon ganze Mauerbaurechtfertigungsfilme geschaffen hatten („... und deine Liebe auch“ und „Sonntagsfahrer“).
Die vier „Geschichten jener Nacht“, nämlich der Nacht des Mauerbaus, sind nur durch diesen Handlungszeitpunkt 13. August 1961 und die agitatorische Absicht miteinander verbunden. Noch einmal wird in ihnen das gesamte diesbezügliche Arsenal der DDR-Propaganda aufgefahren: Durch die „Grenzsicherungsmaßnahmen“ wurde der Dritte Weltkrieg verhindert, Schmutz und Schund und andere böse westliche Einflüsse wurden ausgesperrt, der Abwerbung hochqualifizierter, aber ideologisch labiler Fachkräfte, die sich vom auf Pump finanzierten falschen Schein des Westens blenden ließen, wurde ein Riegel vorgeschoben, Grenzgänger waren aber eigentlich vor allem Prostituierte und Rowdies, beim Aufstand vom 17. Juni 1953 handelte es sich um eine Veranstaltung des RIAS usw. usf. Außerdem begründen drei der vier Geschichten in bekannter Manier die Politik der SED und deren Staat aus den Schrecken des Nationalsozialismus, der Verweis auf diese soll jedes aktuelle Handeln rechtfertigen.
Gleich in der ersten Episode „Phönix“ erinnert sich ein alter Kommandeur der „Kampfgruppen“ daran, wie er Anfang 1933 Menschen zur Flucht über die Grenze verhalf. In „Die Prüfung“ verlassen die wohlsituierten Eltern eines Mädchens, das kurz vor dem Abitur steht, die DDR. Die Tochter soll folgen, fühlt sich aber dem Staat ebenso verbunden wie ihrem ideologisch gefestigten Liebsten (Sohn eines Naziopfers). „Materna“ erzählt die (Rückver-) Wandlung eines Kriegsheimkehrers vom Pazifisten zum begeisterten Waffenträger hauptsächlich durch einen aus dem Off gesprochenen Monolog. Mit „Der große und der kleine Willi“ wird schließlich versucht, die „Errichtung des antifaschistischen Schutzwalls“ auch ganz lustig darzustellen – wobei wiederum eine weltanschauliche Bekehrung vorgeführt wird.
Unter den Drehbuchautoren finden sich mit Erik Neutsch („Spur der Steine“) und Werner Bräunig („Rummelplatz“) zwei Schriftsteller, die von den Reformgegnern in der SED mehr oder weniger stark attackiert wurden. Vor der Kamera kamen zahlreiche prominente Schauspieler zum Einsatz, darunter auch Hauptdarsteller aus frisch verbotenen Filmen wie Angelika Waller („Das Kaninchen bin ich“), Dieter Mann („Berlin um die Ecke“) oder Peter Reusse („Denk bloß nicht, ich heule“).
Rückblickend erwies sich die Themenwahl dieser Ergebenheitsadresse an die Staatspartei als sehr treffend, hielt doch – neben den sowjetischen Panzern – nur die Mauer die SED an der Macht. Als 1989 von den Bürgern die Öffnung der Grenze erzwungen wurde (und die Sowjets nicht eingriffen), überlebte dies die DDR bekanntlich nur um wenige Monate.
Wir zeigen diesen Film zur Erinnerung an den Mauerbau, der sich am 13. August 2026 zum fünfundsechzigsten Male jährt.
Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.
Mehr zu dem Film hier, hier und hier.
VORSCHAU: Am Montag, 21. September 2026 um 17.30 Uhr präsentieren wir nochmals die erst vor wenigen Jahren wiederentdeckte Komödie Verliebt und vorbestraft um eine junge Frau auf dem Bau, 1962/1963 als erster abendfüllender Kinofilm Erwin Strankas bei der DEFA entstanden. In der weiblichen Hauptrolle: Doris Abeßer.
RÜCKBLICK: Wir präsentierten nochmals im
Oktober 2023: Endstation Liebe (der neue Flyer hier)
November 2023: Das siebente Jahr (der neue Flyer hier)
Dezember 2023: Plastikfieber (der neue Flyer hier)
Januar 2024: Ganovenehre (der neue Flyer hier)
Februar 2024: Ein Polterabend (der neue Flyer hier)
März 2024: Verwirrung der Liebe (der neue Flyer hier)
April 2024: Zwei unter Millionen (der neue Flyer hier)
Mai 2024: Tatort Berlin (der neue Flyer hier)
Juni 2024: Flucht nach Berlin (der neue Flyer hier)
Juli 2024: Zugverkehr unregelmäßig (der neue Flyer hier)
August 2024: Es (der neue Flyer hier)
September 2024: Make Love Not War – Die Liebesgeschichte unserer Zeit (der neue Flyer hier)
Oktober 2024: Wir lassen uns scheiden (der neue Flyer hier)
November 2024: Gejagt bis zum Morgen (der neue Flyer hier)
Dezember 2024: Tätowierung (der neue Flyer hier)
Januar 2025: Hochzeitsnacht im Regen (der neue Flyer hier)
Februar 2025: Rotation (der neue Flyer hier)
März 2025: z.B. ... Otto Spalt (der neue Flyer hier)
April 2025: Berliner Ballade (der neue Flyer hier)
Mai 2025: Lots Weib (der neue Flyer hier)
Juni 2025: Dämmerung – Ostberliner Bohème der fünfziger Jahre (der neue Flyer hier)
Juli 2025: Zwei in einer großen Stadt (der neue Flyer hier)
August 2025: Asphalt (der neue Flyer hier)
September 2025: Leichensache Zernik (der neue Flyer hier)
Oktober 2025: Engel aus Eisen (der neue Flyer hier)
November 2025: Wedding (der neue Flyer hier)
Dezember 2025: Die endlose Nacht (der neue Flyer hier)
Januar 2026: Quartett im Bett (der neue Flyer hier)
Februar 2026: Playgirl (der neue Flyer hier)
März 2026: Kennen Sie Urban? (der neue Flyer hier)
April 2026: Entlassen auf Bewährung (der neue Flyer hier)
Mai 2026: Der Mann im Pyjama (der neue Flyer hier)
Juni 2026: Der Biberpelz (der neue Flyer hier)
Juli 2026: Gedächtnis – Ein Film für Curt Bois und Bernhard Minetti (der neue Flyer hier)
Bilder: von oben nach unten: DEFA-Stiftung/Heinz Wenzel („Der große und der kleine Willi“), DEFA-Stiftung/Alexander Schittko („Materna“), DEFA-Stiftung/Ferdinand Teubner („Die Prüfung“), DEFA-Stiftung/Roland Dressel („Phönix“).
%20DEFA-Stiftung%20Heinz%20Wenzel.jpg/picture-200?_=19f82a19780)
%20DEFA-Stiftung%20Alexander%20Schittko.jpg/picture-200?_=19f82a14190)
%20DEFA-Stiftung%20Ferdinand%20Teubner.jpg/picture-200?_=19f82a168a0)
%20DEFA-Stiftung%20Roland%20Dressel.jpg/picture-200?_=19f82a11a80)
