Rarität des Monats Juni 2026
Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.
Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeden Monat eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.
Am 1. Juni 2026 (Montag) um 17.30 Uhr läuft (mit einer Einführung):
Die Herren mit der weißen Weste
BRD 1969/1970 – 91 Min. (2499 m) – 35 mm (1:1,66) – Farbe
Regie: Wolfgang Staudte. Drehbuch: Paul Hengge, Horst Wendlandt. Kamera: Karl Löb. Musik: Peter Thomas. Bauten: Christoph G. E. Hertling. Maske: Charlotte Kersten, Willi Nixdorf. Kostüme: Ingrid Zoré. Schnitt: Jane Seitz. Ton: Gerhard Wagner. Regieassistenz: Michael Mackenroth. Kameraassistenz: Ernst Zahrt, Rainer Wanderscheck. Herstellungsleitung: Fritz Klotzsch. Aufnahmeleitung: Michael Wintzer, Frank Rannoch.
Darsteller: Martin Held (Herbert Zänker), Walter Giller (Walter Knauer), Mario Adorf (Bruno Stiegler), Heinz Erhardt (Heinrich Scheller), Agnes Windeck (Elisabeth Zänker), Hannelore Elsner (Susan), Rudolf Platte (Pietsch), Willy Reichert (Otto Sikorski), Sabine Bethmann (Monika Knauer), Rudolf Schündler (Willy Stademann), Herbert Fux (Luigi Pinelli), Siegfried Schürenberg (Kommissar Berg), Norbert Grupe (Max Graf Boker), Tilo von Berlepsch (Juwelier), Otto Graf, Max Nosseck, Helge Grau, Kurd Pieritz, Erich Fiedler, Kurt von Ruffin, Achim Strietzel, Reinhold Brandes.
Produktion: Rialto Film Preben Philipsen. Produktionsleitung: Herbert Kerz. Gesamtleitung: Horst Wendlandt.
Erstverleih: United Artists.
Uraufführung: 12. März 1970, Berlin, Gloria-Palast.
Mit großem Bahnhof wird Bruno „Dandy“ Stiegler (Mario Adorf) auf dem Flughafen Tempelhof empfangen. Aber nicht nur „Dandys“ alte Kumpane wissen: Der vorgebliche Boxpromoter ist in Wahrheit aus den USA zurückgekehrt, um in Berlin ein paar neue „große Dinger zu drehen“. Allen voran der pensionierte Oberlandesgerichtsrat Zänker (Martin Held) hat nur auf diese Gelegenheit gewartet, dem Gangster endlich das Handwerk zu legen – etwas, das ihm während seiner Zeit als Richter nie gelungen ist. Zur Seite stehen Zänker andere Beamte und Ehrenmänner im Ruhestand. Zusammen mit seiner Schwester (Agnes Windeck) hecken sie ihrerseits Pläne für große Raubzüge aus, um „Dandy“ und seiner Bande stets einen Schritt voraus zu sein. Als etwas hinderlich erweist sich dabei, daß Zänkers Schwiegersohn, der mit ihm im selben Haus lebt, der mit den Fällen betraute Kripomann ist (Walter Giller).
Wolfgang Staudte (1906-1984) ist mit Filmen wie „Die Mörder sind unter uns“, „Rotation“, „Der Untertan“, „Rosen für den Staatsanwalt“, „Kirmes“ oder „Herrenpartie“ als einer der bedeutendsten zeitkritischen deutschen Filmemacher der vierziger, fünfziger und sechziger Jahre in Erinnerung geblieben. Obwohl einige dieser Arbeiten auch satirische Elemente aufwiesen, wird häufig übersehen, daß Staudte auch immer einen beachtlichen Sinn für Komik hatte und ein guter Lustspielregisseur war. Sein drittletzter Kinofilm war diese Gaunerkomödie, die auf einer Idee des legendären Berliner Produzenten Horst Wendlandt beruhte, der unter Pseudonym auch
als Drehbuchautor fungierte.
Ausgiebig wurden hier Berliner Attraktionen nicht nur ins Bild gerückt, sondern auch wesentlich in die Handlung eingebunden, so das Olympiastadion, die alliierte Truppenparade auf der Bismarckstraße, die Neuköllner Einflugschneise des Flughafens Tempelhof und letzterer selbst als Schauplatz für Anfang und Ende des Films.
Wichtige Rollen wurden ihren Darstellern auf den Leib geschrieben und selbst für Nebenfiguren prominente Schauspieler engagiert. Martin Held und Walter Giller agierten rund ein Jahrzehnt nach „Rosen für den Staatsanwalt“ wieder unter Staudtes Regie, und als „Dandys“ Gangsterbraut drehte die junge Hannelore Elsner rund sechs Jahre nach „Die endlose Nacht“ (unserer Berlin-Film-Rarität des Monats Mai 2023) ein weiteres Mal auf dem Flughafen Tempelhof.
Doch in einem Umfeld, das von Sex-, „Lümmel“- und Schlagerfilmen dominiert wurde (weshalb weite Teile des [auch geistig] erwachseneren Publikums die Kinos inzwischen mieden), hatte es der Film schwer: der „Film-Dienst“ (Nr. 14/1970) nannte ihn „eine erfreuliche Ausnahmeerscheinung auf dem deutschen Filmmarkt“, und vermutlich gerade deshalb wurde der Streifen kein kommerzieller Erfolg.
Wir zeigen „Die Herren mit der weißen Weste“ zur Erinnerung an Mario Adorf, der am 8. April im Alter von 95 Jahren verstorben ist.
Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.
Mehr zu diesem Film hier.
Der Film lebt (…) von dem komödiantischen Temperament seiner Akteure und Aktricen.
Volker Baer, Der Tagesspiegel vom 14. März 1970
Quellen der filmographischen Angaben: Erstverleih, Uraufführung: Film-Echo/Filmwoche Nr. 23 vom 21.3.1970. Alle anderen Angaben: https://www.filmportal.de/film/die-herren-mit-der-weissen-weste_ff9fec6ea9c1462c85e18c9e1ec33fbf (zuletzt besucht am 14.5.2026). Im Vorspann wird als Drehbuchautor nur H. O. Gregor genannt, wobei es sich um ein Pseudonym von Horst Wendlandt handelt (vgl. bspw. Film-Telegramm Nr. 7/1970), die Cutterin Jane Seitz erscheint unter ihrem Alternativnamen Jane Sperr, statt „Gesamtleitung“ heißt es „Produziert von Horst Wendlandt“. Film-Echo/Filmwoche Nr. 23 vom 21.3.1970 vermerkt außerdem: „nach einer Idee von H. O. Gregor“.
Photos: Rialto-Film.
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