Rarität des Monats Mai 2026
Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.
Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeden Monat eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.
Am 4. Mai 2026 (Montag) um 17.30 Uhr läuft (mit einer Einführung):
Schleppzug M 17
D 1932/1933 – 78 Min. (2123 m) – 35 mm (1:1,33) – Schwarzweiß
Regie: Heinrich George. Drehbuch: Willy Döll. Kamera: Adolf Otto Weitzenberg. Musik: Alex Stone, Will Meisel. Text des Schifferlieds: Reinhold Amthor. Musikalische Leitung: Richard Dochan. Bauten: Robert Scharfenberg. Schnitt: Ella Stein. Aufnahmeleitung: Gustav Lorenz.
Darsteller: Heinrich George (Henner, der Schiffer), Berta Drews (Marie, seine Frau), Joachim Streubel (Franz, deren Sohn), Betty Amann (Gescha), Wilfried Seyferth (Jakob), Robert Müller (Jakobs Vater), Maria Schanda (eine Sängerin), Kurt Getke (Piet), Hansjoachim Büttner (Karl), Friedrich Ettel (Orje), Walter Steiner (Kommerzienrat), Alexander Jonas (Wirt).
Produktion: P. M.-Film.
Erstverleih (für Berlin und Ostdeutschland): Forum-Film.
Uraufführung: 19. April 1933, Berlin, Ufa-Palast am Zoo.
Über rund zwei Jahrzehnte hinweg war Heinrich George bis 1945 im deutschen Film als Schauspieler eine feste Größe. Aber nur ein einziges Mal fungierte er dort auch als Regisseur: Bei diesem Binnenschifferdrama, das die altbekannte Fabel von den Gefährdungen der Großstadt (welche dort gerade für unbedarfte Gemüter aus der Provinz lauern) eindringlich ausmalt. Als sein Schleppkahn in Berlin ankert, rettet der Kapitän Henner Classen eine junge Frau aus einem Hafenbecken. Bei ihr handelt es sich um ein „leichtes Mädchen“, das vor „schweren Jungs“ geflüchtet war. Schnell erkennt sie die Gelegenheit, den einfach gestrickten Schiffer zu bezirzen und für ihre Zwecke einzuspannen. Der verfällt ihr ebenso rasch, will sie sogar an Bord holen und riskiert dafür ein Zerwürfnis mit seiner Ehefrau, mit der er dort, zusammen mit dem gemeinsamen kleinen Sohn, lebt. Ein kaum erwachsener junger Mann, den Frau Classen auf genommen hatte, um ihn vor seinem trunksüchtigen Vater zu retten, greift ein.
„Schleppzug M 17“ (der in Österreich den nicht unpassenden Titel „Fleisch in Fesseln“ trug) ist ein durchwachsener Film, der freilich auch unter schwierigen Bedingungen entstanden sein soll. Viele zeitgenössische Kritiker zeigten sich befremdet angesichts der kolportagehaften Geschichte und der insgesamt etwas holprigen Inszenierung. Erst spätere Generationen erkannten die großartige Gestaltung einzelner Sequenzen (vor allem Berliner Stadt- und nächtlicher Hafenszenen) sowie Georges eindrucksvolles Spiel, auf das er sich freilich mehr konzentriert zu haben schien als auf die Führung seiner Kollegen.
Als Frau Claassen stand Berta Drews, die Heinrich George im Jahr des Filmdrehs 1932 geheiratet hatte, erstmals vor der Kamera.
Die Femme fatale spielte (ein weiteres Mal) Betty Amann, die eine ähnliche Rolle auch schon in dem 1929 entstandenen Stummfilm „Asphalt“ verkörpert hatte (einer unserer Berlin-Film-Raritäten des Monats November 2015, die wir im August 2025 nochmals präsentiert haben). Wie zahlreiche andere Künstler, die an „Schleppzug M 17“ beteiligt waren, konnte auch sie ihre Karriere im deutschen Film nach der Machtübergabe an die Nazis nicht fortsetzen.
Bei wenigen Nachaufnahmen fungierte Werner Hochbaum als Regisseur. Er soll
auch die Endfertigung des Films geleitet haben.
Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.
Mehr zu diesem Film hier.
Seit Jahren hat es keinen Film gegeben, der in Erfüllung aller filmkünstlerischen Gesetze
von einem derartigen blutheissen Lebensrhythmus und von so überwältigender Dynamik war wie dieser.
W.E.B., Berliner Tageblatt vom 20. April 1933 (Abendausgabe)
Quellen der filmographischen Angaben: Produktion, Erstverleih, Uraufführung: Film-Kurier vom 18.4.1933. Alle anderen Angaben: https://www.filmportal.de/film/schleppzug-m-17_fd671b8dd17b460dbfb6edd60e7e4baa (zuletzt besucht am 20.4.2026), Im Vorspann wird der Drehbuchautor „Dr. Willy Doell“ genannt, statt „Musik“ heißt es „Komposition“, die Vornamen von Weitzenberg und Scharfenberg werden abgekürzt, Ella Stein wird als verantwortlich für „Ton- und Bildschnitt“ bezeichnet, Wilfried Seyferth „Seifert“ geschrieben.
Photos: Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen.
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