Rarität des Monats März 2026
Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.
Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeden Monat eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.
Am 2. März 2026 (Montag) um 17.30 Uhr läuft (mit einer Einführung):
Der Dritte
DDR 1971/1972 – 111 Min. (3036 m) – 35 mm (1:1,33) – Farbe
Regie: Egon Günther. Drehbuch: Egon Günther, Günther Rücker. Szenarium: Günther Rücker. Dramaturgie: Werner Beck. Kamera: Erich Gusko. Musik (Musikberatung): Karl-Ernst Sasse. Schnitt: Rita Hiller. Szenenbild: Harald Horn. Ton: Werner Blass. Kostüm: Christiane Dorst. Maske: Horst Schulze, Margot Friedrichs. Regieassistenz: Elke Niebelschütz. Aufnahmeleitung: Paul Lasinski, Karl-Heinz Rüsike, Kurt Brandenburg. DEFA-Photographen: Ingo Raatzke, Heinz Wenzel.
Darsteller: Jutta Hoffmann (Margit), Barbara Dittus (Lucie), Rolf Ludwig (Hrdlitschka, der „Dritte“), Armin Mueller-Stahl (Blinder, der „Zweite“), Peter Köhncke (Bachmann, der „Erste“), Erika Pelikowsky (Oberin), Christine Schorn (junge Frau), Jaecki Schwarz (junger Mann), Klaus Manchen (Lucies Freund), Walter Lendrich (Vorsitzender), Ruth Kommerell (Mutter von Hrdlitschka), Fred Delmare (Mann mit Sessel), Christoph Beyertt (Geistlicher), Ute Garitz (Anna), Tamara Doege (Dagmar), Hans-Edgar Stecher (Mitarbeiter von Margit), Klaus Fiedler (Mitarbeiter von Margit), Armin Mechener (Mitarbeiter von Margit), Klaus-Jürgen Tewe (Mitarbeiter von Margit), Kurt Heinicke (der Alte), Rita Hempel (die Alte), Ute Lubosch (Diakonissin), Gerda Biok (Diakonissin), Sabine Oehl (Diakonissin), Hannelore Freudenberger (Ärztin), Willi Schrade (Margits Freund), Hildegard Friese (Raumpflegerin), Joachim Raschka (Landrat), Detlev Witte (Arzt), Dorothea Meissner (die Blonde), Silvia Neef (junge Frau), Gudrun Jochmann (junge Frau), Wolfgang Pampel (Arbeiter), Victor Keune (Vorsitzender der Prüfungskommission), Hans Flössel (Mann im Amt), Matthias Molter (Mann im Amt), Hans Feldner (Kommissionsmitglied), Cornelius Köhntges (Kommissionsmitglied), Erdmute Schmid (Sekretärin), Anita Noack (Kindergärtnerin).
Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Künstlerische Arbeitsgruppe „Berlin“. Produktionsleitung: Heinz Mentel.
Erstverleih: Progress.
Uraufführung: 16. März 1972, Berlin, Kino International.
„Männer gibt’s wie Mist!“ meint ihre beste Freundin Lucie. Doch für Margit steht fest: Hrdlitschka soll es sein! Daß der Kollege im Großbetrieb noch nicht mal von ihrer Existenz weiß (und sie auch nicht viel von ihm), stellt für die gestandene Frau von Mitte dreißig, Mathematikerin in der Datenverarbeitung und zweifache Mutter, kein Hindernis dar. Im Gegenteil: Nach zwei gescheiterten Versuchen soll er, der dritte, es nun endlich sein: der Mann fürs Leben!
Was heute nach einer dieser gefällig-belanglosen Beziehungskomödien klingt, welche das deutsche Fernsehen inzwischen am Fließband produziert, war vor gut einem halben Jahrhundert als Beitrag zur Diskussion über die Stellung der Frau in der gegenwärtigen Gesellschaft und den erreichten Stand ihrer Emanzipation gedacht und auch so wahrgenommen worden. Zunächst in der DDR, aber auch im Westen Deutschlands, wo der Film nach seiner Uraufführung 1972 schnell ebenfalls in die Kinos kam, wurde er viel beachtet.
Der Szenarist Günther Rücker und der Regisseur Egon Günther, mit dem die Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann mehrmals zusammenarbeitete, bedienten sich einer ungewöhnlichen, noch heute überraschend und frisch wirkenden Gestaltung: Die Entwicklung von Margit – die als Kind zur Waise wird, in einem Diakonissenhaus aufgezogen wird, dem dort vorbestimmten Leben aber entflieht – wird nicht nur in eingestreuten Rückblenden erzählt, der ganze Film wirkt skizzenhaft, teils reportageartig, das Spiel der Darsteller häufig nahezu improvisiert. In manchen Szenen wird (für die DEFA sehr ungewöhnlich) Originalton verwendet. Der Film besteht fast nur aus Nahaufnahmen, die (manchmal sehr bewegliche) Kamera bleibt also meist auf halber Distanz. So spricht aus „Der Dritte“ auch die Suche nach neuen Erzähltechniken und das unaufdringliche Experimentieren mit ihnen – Dinge, die in den Spielfilmen der DEFA seit etwa 1960 häufiger anzutreffen waren. In den knappen Dialogen, der Handlung und ihrer Darstellung blitzen immer wieder Witz, Spott, Selbstironie auf.
Jutta Hoffmann erhielt für ihre ganz leicht und spielerisch wirkende, deshalb um so eindrucksvollere Verkörperung der Hauptfigur unter anderem den (bundes-) Deutschen Kritikerpreis sowie bei der Biennale von Venedig 1972 den Kritikerpreis als beste Darstellerin. Beim Internationalen Filmfestival von Karlsbad wurde „Der Dritte“ im selben Jahr mit einem der Hauptpreise ausgezeichnet. Wir zeigen den Film anläßlich des 85. Geburtstags von Jutta Hoffmann, den diese am 3. März feiern kann.
Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.
Mehr zu diesem Film hier, hier und hier.
Der Film läuft auch als Hinweis auf die neue Reihe „Von Halbstarken bis Hippies – Jungsein in den 50er und 60er Jahren“, die am 30. März 2026 um 17.30 Uhr im Cosima-Filmtheater fortgesetzt wird mit „Himmel ohne Sterne“.
Starke Wirkungsfaktoren sind Montage und Musik, die genaue Mischung von Ernst und subtilem Humor wie eine für Babelsberg ungewohnte Offenheit (…).
Heinz Kersten, Der Tagesspiegel vom 26. März 1972
Quellen der filmographischen Angaben: https://www.filmportal.de/film/der-dritte_98b26ae514ae45b6bb6fa83ae20b6ae7 (zuletzt besucht am 26.2.2026), https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/der-dritte/ (zuletzt besucht am 26.2.2026).
Photos: DEFA-Stiftung/Ingo Raatzke, Heinz Wenzel.
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