Berlin-Film-Katalog
(in Vorbereitung)

Rarität des Monats Februar 2026

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeden Monat eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Am 2. Februar 2026 (Montag) um 17.30 Uhr läuft (mit einer Einführung):



Vergesst mir meine Traudel nicht

DDR 1957 – 85 Min. (2337 m) – 35 mm (1:1,33) – Schwarzweiß

Regie: Kurt Maetzig. Drehbuch: Kuba (d.i. Kurt Barthel), Kurt Maetzig. Dramaturgie: Willi Brückner. Kamera: Erwin Anders. Musik: Hans-Hendrik Wehding. Musikinterpret: Luciano (Mundharmonika-Solo). Ton: Erich Schmidt. Kostüm: Gerhard Kaddatz. Maske: Gerhard Petri. Requisite: Alfred Rehausen. Regieassistenz: Bernd Braun. Kameraassistenz: Helmut Borkmann. Szenenbild: Alfred Hirschmeier.  Aufnahmeleitung: Lothar Klunter.

Darsteller: Eva-Maria Hagen (Traudel Gerber), Horst Kube (Hannes Wunderlich, Volkspolizist), Günter Haack (Wolfgang Auer, junger Lehrer), Erna Sellmer (Frau Palotta), Günther Simon (VP-Kommissar), Maria Besendahl (Portierfrau), Jean Brahn (Wirt im Café „Lila“), Fred Delmare (Traudels Partner), Paul R. Henker (Wirt in der HO), Charlotte Küter (schlanke Frau), Paul Pfingst (Volkspolizist), Kurt Rackelmann (Mann mit Bart), Martin Rosen (Mann im Hemd), Rudi Schiemann (Schulleiter), Sabine Thalbach (Wäscheverkäuferin), Nico Turoff (Nachtwächter), Egon Vogel (Kellner im Café „Lila“), Meta Wodrich (Frau Maslowski), Cläre Meister (dicke Frau), Hans-Joachim Sachs (kleiner Junge), Jochen Thomas (Verkehrspolizist), Katharina Matz (HO-Verkäuferin), Annemarie Theres (HO-Verkäuferin), Augustin Kovacz (Hausbewohner), Otto Eduard Stübler (Bauer), Gertrud Brendler (Bauersfrau), Walter E. Fuß (Passant), Dieter Perlwitz (Passant), Agnes Kraus (Dame), Hildegard Friese (ältere Frau), Willi Schrade (Halbwüchsiger), Willi Endtresser (älterer Tanzlokalbesucher), Dorle Hintze (Verkäuferin), K. H. Ahrends (Sänger im Café „Lila“), Erich Fritze (Besucher im Café „Lila“), Katina Imme (Nachbarin), Senta Cordel (Nachbarin), Ursula Weiß (Nachbarin), Paula Schindler (Nachbarin), Albert Zahn (Mann im Café „Lila“), Manfred Borges (Mann im Café „Lila“), Alexander Papendiek (Mann im Café „Lila“), Karina Fischer (Mädchen), Gisela Schäding (Mädchen), Sylvia Malvida (Mädchen), Erika Malvida (Mädchen), Wintrud Harder (Mädchen).

Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme. Produktionsleitung: Hans-Joachim Schoeppe.

Erstverleih: Progress.

Uraufführung: 15. November 1957, Berlin, Babylon.


Wenn Kiepe ihr bloß nicht seine Adresse gegeben hätte! Dann hätte die attrak­tive Siebzehnjährige, die ihm auf einer Landstraße vor sein neues Motorrad gelaufen ist, ihm nicht in Berlin auf die Bude rücken können. Natürlich vermag der Junglehrer sie in seinem Zimmer nicht lange vor seinem Mitbewohner, dem Volkspolizisten Hannes Wunder­lich, zu verbergen, so wenig wie vor der garstigen Zimmerwirtin. Während die beiden Männer Mitleid mit jener Traudel haben, die als „schwer erziehbare“ Waise aus einem Heim getürmt ist und kaum etwas über ihre ursprüngliche Herkunft weiß, und Hannes sich auch bald in das Mädchen verliebt, trägt die mißgün­stige Wirtin unfreiwillig dazu bei, Traudels Identität aufzuklären, wobei eine drama­tische Geschichte aus der jüngsten Vergangenheit enthüllt wird.

Nach seinem Erstling „Ehe im Schatten“, der 1947 nicht nur in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands ein großer Erfolg war, hatte sich Kurt Maet­zig (1911-2012) bei der DEFA bald zu einem der eifrigsten Regisseure von Propagandaspielfilmen entwickelt. Nach entsprechenden Arbeiten wie „Der Rat der Götter“, „Roman einer jungen Ehe“, „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“, „Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse“ oder dem ebenfalls zweiteiligen „Schlösser und Katen“ schuf er 1957 (während einer kurzen Phase, in der die SED-Kulturpolitik etwas weniger dogmatisch war) mit „Vergesst mir meine Traudel nicht“ ein für ihn eher ungewöhnliches Werk: eine Tragikomödie ohne schrille poli­tische Töne. Die Botschaften, die der Film transportiert, sind unaufdringlich verpackt und weithin konsens­fähig, Respektspersonen wie der Lehrer oder der Polizist alles andere als Ideal­gestalten ohne Fehl und Tadel (als Vorgesetz­ten, der bei der Polizei nichtsdestoweniger auf Ordnung achten muß, besetzte Maetzig seinen Thäl­mann-Darsteller Günther Simon). Ungewohnt zurück­haltend war der Film auch ge­messen am son­stigen Werk des Drehbuchautors Kuba alias Kurt Barthel, der mit Maetzig schon bei „Familie Benthin“ und „Schlösser und Katen“ zusammengearbeitet hatte und zu „Vergesst mir meine Traudel nicht“ durch ein eigenes Erlebnis inspiriert worden sein soll. Bemerkenswert ist der Streifen, der etwas vom Leben im Ost-Berlin der späten fünfziger Jahre vermittelt, auch als einer der er­sten Berlin-Filme der DEFA, in denen der sonst so heftig geschmähte Westteil der Stadt keinerlei Rolle spielte.

Wesentlich getragen wird das Werk natürlich von der weiblichen Hauptdarstellerin Eva-Maria Hagen, die hier erstmals auf der Leinwand erschien, aber keineswegs schauspielerisch unerfahren war: Perfekt verkörperte sie die ebenso naive wie freche, ausgekochte wie anrührende, in jedem Falle aber sehr attraktive und faszinierende Hauptfigur.


Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Mehr zu diesem Film (mit Spoilern) hier, hier und hier.


Der Film läuft auch als Hinweis auf die neue Reihe Von Halbstarken bis Hippies – Jungsein in den 50er und 60er Jahren, die am 23. Februar 2026 im Cosima-Filmtheater mit „Die Halbstarken“ startet.


… vom ersten bis zum letzten Meter interessant, lebenswahr und voll tiefen Humors; es ist ein ausgezeichneter Film.

Winfried Junge, Forum Nr. 27/1957


 


 

Quellen der filmographischen Angaben: Bildformat: https://www.filmportal.de/film/vergesst-mir-meine-traudel-nicht_197e7d424d9b408dba966df4cc9ec612 (zuletzt besucht am 20.1.2026). Erstverleih, Uraufführung: Berliner Zeitung vom 15.11.1957. Alle anderen Angaben: https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/vergesst-mir-meine-traudel-nicht/ (zuletzt besucht am 20.1.2026).

Photos: DEFA-Stiftung, Filmphotograph: Heinz Wenzel.