Berlin-Film-Katalog (in Vorbereitung)

Rarität des Monats Juni 2017

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 12.-14. Juni 2017 um 18 Uhr (am 12. in Anwesenheit von Bernhard Sallmann und Kathrin Röggla) läuft

 

Berlin-Neukölln

D 2001 – 90 Min. – DigiBeta (4:3) – Farbe
Regie, Buch: Bernhard Sallmann. Kamera: Susanne Schüle, Helge Haack, René Kirschey. Ton: Klaus Barm, Carsten Fabian. Montage: Ulrich Sackenreuter, Tore Schmidt. Mischung: Klaus Barm, Ulrich Sackenreuter. Dramaturgie: Hans-Werner Kroesinger. Produktionsleitung: Wibke Kämpfer.
Die NeuköllnerInnen: Kathrin Röggla, Dennis Kastler & Michael Eggert, Margit Wankmüller, Henning Vierck, Harald Ramm, Manfred Walther, Haydar Cihangir, Jugendclub Lessinghöhe, Charlotte Rudolph.
Dank an die Akademie der Künste Berlin.
Produktion: Hanfgarn & Ufer Film- und TV-Produktion Gunter Hanfgarn. Im Auftrag des ZDF. Redaktion: Burkhard Althoff (Das kleine Fernsehspiel).

Uraufführung: 12. Mai 2002, Berlin, Neues Off.
Erstausstrahlung: 14. Mai 2002, 0.10 Uhr, ZDF.

 

„Endstation Neukölln“ war im Oktober 1997 ein „Spiegel“-Artikel betitelt. In seinem Vorspann las man: „Im Zentrum boomt und glitzert Berlin. Doch an den Rändern verslumt die Metropole. Im Arbeiterbezirk Neukölln zeigen Verwahrlosung, Gewalt und Hunger den sozialen Niedergang an.“ Wie arg es dort zugeht, machte der Autor Peter Wensierski denn auch gleich zu Beginn seiner Reportage deutlich: „High-noon in Rixdorf: In der Neuköllnischen Allee peitschen mehrere Schüsse über die belebte Straße. Wer kann, geht in Deckung. Einer bleibt auf dem Boden liegen. Wenig später berichtet eine Passantin der Polizei, was dann geschah: ‚Ein Mann lief weg, ein anderer kam noch einmal zurück, setzte den Lauf seiner Waffe auf das Genick des Wehrlosen und drückte ab.’ Vor dem Genickschuß hatte der Täter noch einmal seelenruhig nachgeladen, obwohl er bereits beobachtet wurde. Szenen wie diese gehören zum Alltag im Berliner Bezirk Neukölln.“

Nach diesem Artikel im „Spiegel“ Nr. 43 vom 20. Oktober 1997 (nachzulesen hier) war das Image des damals einwohnerreichsten Berliner Bezirks bundesweit lädiert, zumal andere Medien auf die schrille Story ansprangen. Auch der Filmemacher Bernhard Sallmann sah sich veranlaßt, etwas über Neukölln zu machen. Allerdings aus anderer Perspektive und daher auch mit anderem Inhalt und anderer Aussage: Der 1967 im österreichischen Linz Geborene war Neuköllner geworden, als es ihn 1988 bei seinem Umzug nach Berlin in diese Gegend verschlagen hatte. (Er ist es bis heute.)

Im Mai 2001 konnte er endlich sein abendfüllendes Portrait von Neukölln (genauer: vom Norden des Bezirks, dem ursprünglichen Neukölln, das bis 1912 Rixdorf hieß) drehen: Ein persönlicher Blick auf diesen Stadtteil und seine Bewohner, unaufgeregt und unaufdringlich, wozu auch gehört, daß der Film ohne gesprochenen Kommentar auskommt. Sallmann begleitete, befragte und belauschte einige Eingeborene und Zugezogene, Deutsche und Ausländer, Junge und Alte, folgte ihnen auf ihren Wegen durch den Stadtteil, bestieg den Rathausturm, ging noch höher in die Luft und fand einen Ruhepol im Comeniusgarten, dem auch philosophisch anspruchsvollen Projekt im Herzen Alt-Neuköllns. Sallmann, von dem wir im Mai 2015 bereits „Deutsche Dienststelle“ und „Menschen am Kanal“ gezeigt haben, schuf ein liebe- und vor allem respektvolles Bild Neuköllns und der Neuköllner, ohne in Postkartenbilder abzugleiten und ohne Probleme auszublenden.

Nach seiner Erstausstrahlung im ZDF kurz nach Mitternacht lief „Berlin-Neukölln“ noch einmal 2002 auf Phoenix und 2004 im ZDF-Dokukanal. Seit gut einem Jahrzehnt ist der Film kaum mehr zu sehen gewesen, was um so bedauerlicher ist, als er ein Neukölln zeigt, das mittlerweile verschwunden oder im Verschwinden begriffen ist: Neukölln, kurz vor Beginn seiner Gentrifizierung, als ein Ureinwohner noch sagen konnte: „Es gibt keine Leute, die in Neukölln eine Wohnung suchen, es gibt nur Leute, die in Neukölln landen.“ So ist der Film bereits nach anderthalb Dekaden zu einem interessanten Zeitdokument geworden.

 

Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Mehr zu dem Film hier.

 

 

Synopsis von Bernhard Sallmann (2002)

Wie bewegen sich Personen durch den Berliner Bezirk Neukölln und welche Geschichte haben sie?

„Kiez bleibt Kiez - wer hier geboren wurde, kennt jedes Sandkorn!“
[Ein Passant]

„Es gibt Leute, die eine Wohnung am Prenzlauer Berg suchen, weil der Bezirk in ist. Es gibt aber keine Leute, die eine Wohnung in Neukölln suchen. Es gibt nur Leute, die in Neukölln landen!“
[Manfred Walther, Fotohändler]

1997 bezeichnete das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL in einer Titelgeschichte den Bezirk NEUKÖLLN als „Hauptstadt der Kriminalität“. BERLIN-NEUKÖLLN will diese Sicht erweitern und einen langjährigen Erfahrungsraum – seit 1988 wohne ich hier – öffnen. Verschiedene Diskurse und Wahrnehmungsformen werden dabei verfolgt.

Mich interessieren die zentripedalen Kräfte, die den Bezirk bestimmen und gegebenenfalls auf die „Neue Mitte“ (Potsdamer Platz, Hauptstadt) rück- oder einwirken. Der Film will die Möglichkeiten und Funktionsweisen eines peripheren Bezirks dokumentieren und seine polyphonen Mechanismen (Vielfalt an Sprachen, Kulturen und Lebensweisen) öffnen.

Mit verschiedenen Verkehrsmitteln wird der Bezirk durchquert - der passagere Blick ermöglicht eine kaleidoskopische Sicht - vieles wird aufgeschnappt! Der Flughafen Tempelhof liegt hinter der Bezirksgrenze, Neukölln befindet sich in der Einflugschneise. Die S-Bahnen fahren auf Hochtrassen durch den Bezirk, die Straßen sind voll mit Verkehr, die U-Bahnen graben sich durch das dunkle Reich. Sehr urban!

Verschiedene Knoten und Überschneidungen entstehen auf den Wegen, die dem Film zu seinem Material verhelfen.

Daneben, wie durch unsichtbare Türen getrennt, öffnen sich andere Räume, die Formen der Gemächlichkeit und Langsamkeit in den Bezirk bringen. Dörflich, still!

Der Film begegnet durch seine Bewegungsformen einzelnen Menschen und vertraut sich ihnen an, um durch sie den Bezirk zu erfahren. Die ProtagonistInnen sind wie LotsInnen, die einen Erfahrungsraum herstellen und mit ihrem Gedächtnis und ihren Lebensweisen den Bezirk beatmen.

Sie sollen das Publikum ver/führen!

 

 

 

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J.G.

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Quellen der filmographischen Angaben: Filmlänge, Filmformat, Uraufführung: Bernhard Sallmann (dieser präzisiert: Kamera: Susanne Schüle. Kameraassistenz: Helge Haack. Flugaufnahmen: René Kirschey. Ton und Mischung: Klaus Barm. Tonassistenz: Carsten Fabian. Schnitt: Ulrich Sackenreuter. Schnittassistenz: Tore Schmidt.) Erstausstrahlung: Zitty, Nr. 10/2002. Alle anderen Angaben: Originalabspann .

Bilder: Hanfgarn & Ufer.