Berlin-Film-Katalog (in Vorbereitung)

Rarität des Monats April 2017

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 10.-12. April 2017 um 18 Uhr läuft

 

Tätowierung

BRD 1967 – 86 Min. (2365 m) – 35 mm (1:1,66) – Farbe
Regie: Johannes Schaaf. Drehbuch: Günter Herburger, Johannes Schaaf. Nach einer Idee von Günter Herburger. Kamera: Wolf Wirth. Musik: George Gruntz. Schnitt: Dagmar Hirtz. Aufnahmeleitung: Siegfried Wagner. Ton: Hans-Dieter Schwarz. Ausstattung: Götz Heymann. Maske: Jutta Stroppe.
Darsteller: Helga Anders, Christof Wackernagel, Rosemarie Fendel, Alexander May, Heinz Meier, Tilo von Berlepsch, Heinz Schubert, Wolfgang Schnell.
Ein Film der Rob Houwer-Produktion München. Produktionsleitung: Jürgen Dohme. Gesamtleitung: Rob Houwer.

Dreharbeiten: 13. März bis 2. Mai 1967, Berlin.

Erstverleih: Eckelkamp.

Uraufführung: 27. Juni 1967, Berlin, Zoo-Palast (Internationale Filmfestspiele).

 

Genau jetzt vor fünfzig Jahren, im Frühjahr 1967, gedreht, sorgte „Tätowierung“ bei der Berlinale 1967 für Aufsehen: Ein Unternehmer-Ehepaar mittleren Alters nimmt den halbwüchsigen Heimzögling Benno bei sich auf. Die Güte, Geduld und Toleranz, mit der das bürgerliche Paar ihn zu „bessern“ versucht, kennt keine Grenzen und wirkt zuweilen penetrant. Als er mit der nur wenig älteren (doch sehr viel abgeklärteren) Nichte und Pflegetochter intim wird, wird dies freudig registriert. In Wahrheit gehen die Pflegeeltern aber überhaupt nicht auf den Jungen, seine Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse, ein, sondern wollen ihn nach ihrem Vorbild formen. Dies reizt ihn zu immer neuen Provokationen und anderen Akten der Rebellion, bis hin zu einer ultimativen Gewalttat.

Nach sechs Regiearbeiten fürs Fernsehen war „Tätowierung“ der erste Kinofilm von Johannes Schaaf (Jahrgang 1933). Günter Herburger, der die Idee geliefert und mit dem Schaaf das Drehbuch geschrieben hatte, war damals als Schriftsteller wie als Filmautor sehr umtriebig. Wieder beschrieb er auch Kommunikationsprobleme: Die Menschen reden aneinander vorbei, die Pflegeeltern sind vor allem mit dem Genuß ihres Gutseins und mit Selbstdarstellung beschäftigt, weshalb Benno sie nicht versteht. Umgekehrt erfährt, durch das Desinteresse seiner neuen Umgebung, auch der Zuschauer kaum etwas über den Hintergrund, die Geschichte des Jungen, der mit der ungewohnten Freiheit nicht zurechtkommt, deshalb lieber zurück in den Jugendhof will, aber feststellen muß, daß man ihn dort nicht mehr sehen will.

Wolf Wirth galt in den Sixties als einer der „angesagtesten“ jungen Kameramänner, vielgelobt für seine kunstvollen Bilder, weshalb Schaaf – um eine betont unrealistische Atmosphäre bemüht – ihn auch engagierte. Zentrum des bewußt in West-Berlin angesiedelten und nur an Originalschauplätzen gedrehten Films war die von Franz Schwechten (Architekt der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, des Anhalter Bahnhofs oder der heutigen Kulturbrauerei) entworfene, burgartige Fabrik der Mosaikwerkstatt Puhl und Wagner an der Neuköllner Kiefholzstraße. Das direkt an der Mauer gelegene Gebäude wurde wenig später abgerissen.

„Tätowierung“ traf auf die – kurz nach dem 2. Juni 1967 – aufgeheizte Stimmung in West-Berlin, auf ein politisches Klima, das sich allseits rasant radikalisierte, und wurde ganz unterschiedlich interpretiert. Während Alexander May (dessen äußere Ähnlichkeit mit dem damaligen Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz dem Kritiker des „Spiegel“ auffiel), die junge Helga Anders und Schaafs Lebensgefährtin Rosemarie Fendel bereits prominent waren, avancierte Christof Wackernagel als Benno mit seiner ersten Filmrolle sofort zum Star.

„Tätowierung“ erhielt 1968 drei Bundesfilmpreise (Filmband in Gold): Für Johannes Schaaf (Regie), Alexander May (Darstellerische Leistung) und Houwer-Film (Abendfüllender Spielfilm). Damals eine der meistbeachteten Produktionen des „Jungen Deutschen Films“, war er in den letzten Jahrzehnten nur sehr selten zu sehen.

 

Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Mehr zu dem Film hier.

 

 

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J.G.

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Quellen der filmographischen Angaben: Filmlänge, Film- und Bildformat, Drehzeit, Erstverleih: http://www.filmportal.de/film/taetowierung_a268c47e6b24421b9d7962e400178a1b (besucht am 26.3.2017). Uraufführung: Der Abend vom 28.6.1967. Alle anderen Angaben: Originalvorspann.

Bilder: Rob Houwer Produktion.