Berlin-Film-Katalog (in Vorbereitung)

Rarität des Monats November 2014

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 6.-12. November 2014 um 18 Uhr (am 10. November in Anwesenheit unter anderem von Ulrich Schamonis Tochter, der Photographin Ulrike Schamoni, die seit Jahren den Nachlaß ihres Vaters erschließt und daraus u.a. den Film „Abschied von den Fröschen“ gestaltet hat) stand auf dem Programm

 

Es

BRD 1965/1966 – 86 Min. (2556 m) – 35 mm (1:1,37) – Schwarzweiß
Regie, Buch: Ulrich Schamoni. Kamera: Gerard Vandenberg. Musik: Hans Posegga. Schnitt und Regieassistenz: Heidi Rente. Aufnahmeleitung: Siegfried Hofbauer. Standphotographie: Michael Marton, Gert Conradt. Kameraassistenz, Script: Dagmar Sowa. Produktionsassistenz: Rolf Zacher. Ton, Technik: Sepp Schiller, Siegfried Glöckner.
Darsteller: Sabine Sinjen, Bruno Dietrich, Ulrich Schamoni, Horst Manfred Adloff, Ulrike Ullrich, Harry Gillmann, Inge Herbrecht, Rolf Zacher, Gudrun Gundelach, Bruno Michalk, Josef Thuis. Und als Gäste: Tilla Durieux, Werner Schwier, Marcel Marceau, Bernhard Minetti, Robert Müller, Will Tremper, Senator Ernst Neubauer, Pfarrer Wolfgang See.
Produktion: Horst Manfred Adloff, München. Produktionsleitung: Peter Genée.
Erstverleih: Atlas.

Erstaufführung: 17. März 1966, Berlin, Atelier am Zoo (heute Zoo-Palast Kino 2).

Projektion eines digitalen Datenträgers.

Ulrich Schamonis Erstling „Es“ soll eine Rarität sein? Tatsächlich zählt das Werk zu den Meilensteinen der deutschen Filmgeschichte: Als es im März 1966 in die Kinos kam, wurde es als Beginn des „Jungen Deutschen Films“ verkauft und auch so wahrgenommen. Zwar hatte es schon zuvor einige Werke gegeben, die darauf hoffen ließen, mit „Papas Kino“ gehe es nun wirklich auch in der Bundesrepublik zu Ende und nach einer langen Durststrecke könne Westdeutschland Anschluß finden an die internationale Filmerneuerungsbewegung, die seit den späten Fünfzigern für Aufsehen sorgte. Doch erst 1966 erlebte endlich eine ganze Reihe von abendfüllenden „Jungfilmen“ aus der Bundesrepublik und West-Berlin ihre Uraufführung.

„Es“ machte den Anfang – weil Ulrich Schamoni, beim Dreh 25, bei der Premiere 26 Jahre alt, nicht das beginnende Filmförderwesen bemüht, sondern in Horst Manfred Adloff einen wagemutigen Kunstfreund gefunden hatte, der die Low-Budget-Produktion finanzierte. Dies sollte sich als gutes Geschäft erweisen: „Es“ wurde zum ersten großen Kassenerfolg des „Jungen Deutschen Films“, erhielt zudem fünf Bundesfilmpreise (Filmbänder in Gold für Schamoni, Kameramann Gerard Vandenberg sowie die beiden Hauptdarsteller Sabine Sinjen und Bruno Dietrich, ein Filmband in Silber für die Produktion), wurde als offizieller bundesdeutscher Beitrag in den Wettbewerb von Cannes und in das Rennen und die Oscars geschickt.

„Es“ schildert die zunächst unbeschwerte „wilde Ehe“ eines jungen Paares in West-Berlin. Als die Frau ungewollt schwanger wird, vertraut sie sich nicht ihrem Freund an – der sich schon einmal wenig erfreut vom Gedanken an eine frühe Familiengründung gezeigt hat –, sondern versucht auf eigene Faust, einen Arzt für eine (damals noch verbotene) Abtreibung zu finden. Über seinen Charakter als spannendes Dokument vom damaligen Leben in der Mauerstadt beeindruckt der Film bis heute durch seine wirklichkeitsnahe, frische, stellenweise virtuos verspielte Machart, die überzeugend agierenden Darsteller und die erfreulich unaufdringliche Weise, mit der ein Problem behandelt wird, ohne dem Zuschauer ein Urteil aufzunötigen: Schamoni brachte das Kunststück fertig, sich weder für noch gegen die Abtreibung auszusprechen. Gedreht wurde im Spätsommer 1965 in den Straßen, Häusern und Verkehrsmitteln Berlins, auch in Schamonis eigener Wohnung.

Seiner filmhistorischen Bedeutung und seines künstlerischen Ranges zum Trotz ist „Es“ bis heute weder auf DVD noch auf VHS verfügbar und in den letzten Jahren nur selten im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt worden. So gehört selbst dieses Werk zu den vielen Filmen, die in Vergessenheit zu geraten drohen oder von denen nur noch wenig mehr als der Titel bekannt ist.

Berlin-Film-Katalog präsentiert „Es“ zum 75. Geburtstag des am 9. November 1939 geborenen und am 9. März 1998 verstorbenen Berliner Filme-, Radio- und Fernsehmachers Ulrich Schamoni.

Unser Flyer zu diesem Film. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Weitere Informationen hier.

 

 

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J.G.

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Quellen der filmographischen Angaben: Atlas Filmheft 69. Darin nicht genannt werden Ulrich Schamoni als Darsteller und Hans Posegga, der die Musik schrieb (vgl. http://www.filmportal.de/film/es_3b22813bccfa4df0932cd1834f702b26, besucht am 20.10.2014). Im Originalvorspann keine Erwähnung als Darsteller findet Horst Manfred Adloff. Dafür werden dort zusätzlich aufgeführt: Gudrun Gundelach, Bruno Michalk und Josef Thuis als Darsteller, Senator Ernst Neubauer und Pfarrer Wolfgang See als Gäste. Ulrike Ullrich wird als Ulrike Ulrich bezeichnet. Ohne Funktionen zu nennen, heißt es im Vorspann nach der Auflistung der Darsteller und Gäste summarisch: „Ein Film von Ulrich Schamoni und Gerard Vandenberg, Heidi Rente, Peter Genée, Hans Posegga, Klaus Jahnel, Dagmar Sowa, Sepp Schiller, Michael Marton, Siegfried Hofbauer, Gert Conradt, Siegfried Glöckler, Ariane Koch. Eine Produktion von Horst Manfred Adloff.“ Quelle für Datum und Ort der Erstaufführung: Der Tagesspiegel vom 16. März 1966.

Bilder: Horst Manfred Adloff Film.