Berlin-Film-Katalog (in Vorbereitung)

Rarität des Monats Januar 2014

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 9.-15. Januar 2014 um 18 Uhr lief

 

Sperrmüll

DDR 1990 – 82 Min. (2154 m) – 35 mm (1:1,37) – Farbe
Regisseurin: Helke Misselwitz. Autoren: Helke Misselwitz, Gerd Kroske. Kameramann: Thomas Plenert. Originaltonmeister: Ronald Gohlke, Uwe Haussig, Patrick Stanislawski. Mischtonmeister: Peter Dienst. Beleuchter: Wolfgang Hirschke. Grafiker: Jochem Härtel. Kameraassistenten: Heiko Koinzer, Thomas Litschew, Michael Loewenberg. Schnittmeisterin: Gudrun Steinbrück. Produktionsleiter: Peter Mansee, Peter Planitzer.
Mit den Gruppen „Sperrmuell“ (DDR) – Enrico [Rizzo] Idzikowski, Tilo Ciesla, Sascha Grohmann, Mirko Becher (Dank an Christian [Bobo] Heboldt für „Das rote Ross“) –, „Bolschewistische Kurkapelle“ Rot.Schwarz (DDR), „Oh Yeah Crap“ (DDR) und mit Angelika und Heinz Richter (Berlin/West).
Dank den Kollegen des Archivs der „Aktuellen Kamera“ des Deutschen Fernsehfunks.
Ein Film der Gruppe „Kinobox“. Hergestellt im Volkseigenen Betrieb Deutsche Film Aktien Gesellschaft Studio für Dokumentarfilme Berlin Deutsche Demokratische Republik (DDR).

Uraufführung: 11. Mai 1991.

Nach ihrem großen Erfolg „Winter adé“ begann Helke Misselwitz im Frühsommer 1989 diese Dokumentation zu drehen, die weit weniger beachtet wurde: Was als Film über vier junge Berliner begann, die ihren Frust zu Musik verarbeiten, die sie auf weggeworfenen Gegenständen machen, wurde von den historischen Ereignissen des Sommers und Herbstes 1989 überrollt. Am Ende entstand das Portrait eines der Nachwuchsmusiker und seiner Mutter, die im Sommer einen West-Berliner heiraten und zu ihm ziehen darf, derweil ihr Sohn im Osten bleiben will. Auch später beharrt er auf seiner DDR-Identität und wünscht eine Fortsetzung der Teilung Berlins und Deutschlands. „Sperrmüll“ endet mit den freien Volkskammerwahlen im März 1990. Ihr Ergebnis wird im Film nicht mitgeteilt, es ist bekannt.

Unser Flyer zu diesem Film. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.

Weitere Informationen hier.

„Sperrmüll“ lief im Rahmen der Reihe „No future? – Realität und Lebensgefühl von Jugendlichen im Deutschland der 1980er“, die von der Stiftung Deutsche Kinemathek und der DEFA-Stiftung eingerichtet wurde.

 

Eine echte Ausgrabung

Zwischen ihrem großen Erfolg „Winter adé“, der Frauen in verschiedenen Regionen der DDR portraitiert, und ihrem ersten Spielfilm „Herzsprung“ schafft Helke Misselwitz nicht nur die kürzere Dokumentation „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“, der einen von einer Frau geführten Kohlenhandel in Prenzlauer Berg zeigt. Im Frühsommer 1989 beginnt die Regisseurin mit dem Dreh an „Sperrmüll“; und mit „Sperrmüll“, um genau zu sein, denn so nennen sich vier junge Ost-Berliner, die Musik machen, indem sie auf Weggeworfenem trommeln – und dabei vor allem ihren Frust herausschreien: den alterstypischen wie den DDR-spezifischen.

Nach kurzer Zeit wird das Projekt von den politischen Umbrüchen jener bewegten Monate überrollt. Ebenso ergeht es den vier Jungs, ihrer Gruppe, ihrer Musik und ihren Ambitionen. Helke Misselwitz und ihr Co-Autor Gerd Kroske (der später Regie führt bei Filmen wie „Kehraus“, „Der Boxprinz“, „Autobahn Ost“) konzentrieren sich auf einen aus dem Quartett, Enrico alias Rizzo, und seine Mutter. Diese darf Ende Juni 1989 einen West-Berliner heiraten und zu ihm ziehen. Die zwölfjährige Tochter geht mit, der Sohn will im Osten bleiben. Der Abschied Ende Juli 1989 scheint für lange zu sein – niemand ahnt, daß dreieinhalb Monate später die Mauer fallen wird.

Danach sträubt Rizzo sich noch immer gegen die Vereinnahmung durch den Westen – oder nun erst recht? Er und seine Kumpel – so blaß diese im Film bleiben, so schnell sich das Quartett voneinander zu entfremden scheint – wirken wie lebendige Bestätigungen der These, daß sich eine DDR-Identität erst herausgebildet hat, als die DDR ihrem Ende entgegenging bzw. verschwunden war. Der Streifen endet mit der freien Volkskammerwahl im März 1990. Wie sie ausging, wird nicht mitgeteilt. Es ist bekannt.

Ein Vierteljahrhundert später ist dieser schon damals wenig beachtete und inzwischen weitgehend in Vergessenheit geratene Dokumentarfilm – wie „Winter adé“ photographiert vom wohl renommiertesten ostdeutschen Dokumentarfilmkameramann Thomas Plenert – ein interessantes Zeitdokument nicht nur, weil er selbst ein wenig ratlos wirkt und manches offen läßt. Er erinnert auch daran, daß es manche gab, die die Teilung Berlins und Deutschlands aufrechterhalten wollten (wobei man fragen darf, wie das konkret hätte bewerkstelligt werden sollen). Zudem ist der Film von immensem Wert, weil die Kamera hier Rizzo Weihnachten 1989 auf seinem Weg gen Westen durch den Kontrollpunkt Bahnhof Friedrichstraße begleitet – vom Eingang zum „Tränenpalast“ bis zu jenem Bahnsteig, an dem die S-Bahn Richtung Wannsee abfuhr. Rare Aufnahmen, die einen ebenso beklemmenden wie banalen Vorgang zeigen – derweil mittlerweile die abenteuerlichsten Gruselgeschichten über die östlichen Kontrollen an der Sektorengrenze kursieren.

J.G.

 

 

Quellen der filmographischen Angaben: www.filmportal.de/film/sperrmuell_3b0a21afe2624702b13ab52193ae648d (besucht am 23.12.2013; Filmformat, Filmlänge in Metern, Uraufführungstermin), Originalabspann (alle weiteren Angaben).

Bilder: DEFA-Stiftung/Heiko Koinzer.