Berlin-Film-Katalog

(in Vorbereitung)

Rarität des Monats Februar 2023

Die Auswahl an Berlin-Filmen, die in den Kinos wie im Fernsehen läuft, wird immer kleiner. Das Filmbild der Stadt wird dementsprechend von immer weniger Werken geprägt. Und immer mehr Berlin-Filme, darunter auch bedeutende, geraten in Vergessenheit.

Deshalb und um zu zeigen, daß Berlin-Film-Katalog nicht nur auf Geld wartet, gibt es den Jour fixe des selten gezeigten Berlin-Films: Seit Juni 2012 wird jeweils am zweiten Montag im Monat im Brotfabrikkino eine Berlin-Film-Rarität präsentiert.

Vom 13.-15. Februar 2023 jeweils um 18 Uhr läuft



Die endlose Nacht

BRD 1962/1963 – 86 Min. (2359 m) – 35 mm (1:2,35) – Schwarzweiß

Regie, Buch: Will Tremper. Kamera: Hans Jura. Musik: Peter Thomas. Schnitt: Susanne Paschen. Ton: Heinz Weissert. Regieassistenz: Frank Goslar. Kameraassistenz: Rüdiger Meichsner. Tonassistenz: Wolfgang Bellenbaum. Script:
Susanne Paschen, Marlies Menge. Requisite: Klaus Haase. Maske: Marian Rabiuch. Kostüme: Christine Viertel. Herstellungsleitung: Jochen Genzow, Pitt Albrecht. Aufnahmeleitung: H. Bubenheim..

Darsteller: Karin Huebner (Lisa), Louise Martini (Mascha), Harald Leipnitz (Wolfgang Spitz), Hannelore Elsner (Sylvia Stössi), Bruce Low (McLeod), Alexandra Stewart (Juanita), Paul Esser (J.M. Schreiber), Werner Peters (Herbert), Walter Buschhoff (Ernst Kramer), Lore Hartling (Frau Achtel), Wolfgang Spier (Dr. Achtel), Oscar Sabo, Hans Hardt, Fritz Rémond (Emil Stoltmann), Recha Jungmann (Pauline), Gerda Blisse (Frau Kramer), Narziss Sokatscheff (Renzo). Als Gäste: Mario Adorf (Juanitas Bekannter), Wolfgang Neuss (Bowlingbahnangestellter Wolfgang), Rolf Hädrich (Kneipenwirt). Es singt Wanda Warska, es spielt das Andrzej-Trzaskowski-Quintett. u.a.

Eine Produktion der Will Tremper Film GmbH und der Inter West Film GmbH in Zusammenarbeit mit Hanns Eckelkamp. Produktionsleitung: Felix Hock.

Erstverleih: Atlas.

Kinostart: 7. Mai 1963.


Wegen Nebels kommt der Flugverkehr zum Erliegen. Verhinderte Passagiere könnten dann einfach auf den Landweg ausweichen. Nicht so im West-Berlin der frühen sechziger Jahre: Die Transitstrecken durch die DDR unterliegen der Willkür der östlichen, wenig freundlich gesonnenen Behörden. Und manche Menschen müssen sich vor letzteren fürchten. So stranden einige auf dem Flughafen Tempelhof, andere warten vergebens auf wichtige Fluggäste aus Westdeutschland, das Wetter spielt Schicksal.

Aus dieser relativ banalen Handlungsidee machte Will Tremper einen außergewöhnlichen Spielfilm: Ende 1962, Anfang 1963 versammelte er mehrere Wochen lang nachts in der kurz zuvor fertiggestellten großen Abfertigungshalle des Flughafens seine Darsteller – und drehte dann, was ihm gerade einfiel. Unglaublicherweise gelang es ihm, trotz dieses unkonventionellen Vorgehens einen Film zu schmieden, der seine vielen großen und kleinen Geschichten nicht etwa aneinanderreiht, sondern sehr geschickt miteinander verknüpft.

Tremper (1928-1998), schon als Halbwüchsiger ein begeisterter Wahl-Berliner und ein begnadeter Geschichtenerzähler, war im Laufe der fünfziger Jahre nicht nur zu einem prominenten Journalisten geworden. Mit „Die Halbstarken“ und „Endstation Liebe“ hatte er auch die Drehbücher zu zwei der besten Filme jener Zeit geliefert
und 1960/1961 mit „Flucht nach Berlin“ zum ersten Mal einen Spielfilm auch selbst inszeniert und produziert – wobei er bereits spontan drehte und viel improvisierte, Wirklichkeit einfangen wollte und deshalb natürlich auch nicht in Ateliers arbeitete, sondern auf den Straßen und in echten Räumen, mit vielen Laien.

Tremper, stets zugleich sein bester PR-Mann, war damit zu einer der ganz wenigen Jungfilmerhoffnungen in der westdeutschen und West-Berliner Filmszene avanciert, die auch am Ende der Adenauer-Ära noch immer ein recht trostloses Bild bot.
Mit seiner zweiten Regiearbeit „Die endlose Nacht“ – die vor genau sechzig Jahren entstand – gelang ihm sein Meisterwerk, ein noch heute bemerkenswertes und unterhaltsames Stück Berliner Nouvelle Vague: Unter abenteuerlichen Umständen produziert (als sein eigenes Geld aufgebraucht war, pumpte Tremper sich während der Dreharbeiten welches zusammen), so wirklichkeitsnah, elegant erzählt und auch voll bissigem Humor wie kaum ein einheimischer Streifen aus jener Zeit. Die Musik dazu schrieb Peter Thomas, der dafür einen der vier Bundesfilmpreise erhielt, mit denen „Die endlose Nacht“ ausgezeichnet wurde.

Karsten Peters resümierte in der Münchner „Abendzeitung“ vom 9. Mai 1963: „Hier ist ein Ansatz und mehr als ein Ansatz für die Erneuerung des deutschen Films. Nach der endlosen Nacht scheint sich ein Morgengrauen anzukündigen.“


Unser Flyer zu dieser Rarität. Sie dürfen ihn gern herunterladen, ausdrucken, verteilen oder einrahmen und an die Wand hängen.





Quellen der filmographischen Angaben: Filmlänge, Erstverleih: Evangelischer Filmbeobachter Nr. 21 vom 25.5.1963. Regieassistenz, Tonassistenz, Script, Requisite, Maske, Kostüme, Herstellungsleitung, Aufnahmeleitung, Rollennamen, Darsteller Recha Jungmann, Gerda Blisse, Narziss Sokatscheff: https://www.filmportal.de/film/die-endlose-nacht_a52b8cf946aa4a84aeaac8e4e7d4ba5d (besucht am 29.1.2023). Kinostart: Film-Dienst Nr. 22 vom 29.5.1963.  Alle anderen Angaben: Originalvorspann.


Photos: UCM.ONE.